free site stats Hidaya - Führung Gottes

       Tauhid.net

Hidaya - Gottes Führung

Das ist Allahs Rechtleitung. Er leitet damit recht,
wen von Seinen Dienern Er will. [Al-Anam 88]

Rechtleitung bzw. Führung ist ein zentrales Thema des Korans, wo es weit mehr als hundert Mal erwähnt wird. Der Koran selber wird "die Führung für die Gottesfürchtigen" und "das Kriterium (von richtig und falsch)" genannt. Leider werden Koran und Sunna heute oft auf ihre Funktion als "Gesetzgeber" reduziert, und nicht so sehr als ein spiritueller Führer gesehen.

Wir beten jeden Tag mehrmals "Führe uns den geraden Weg", aber erkennen wir, wie Führung zu uns kommt? Wir fragen uns: Wenn wir Allah um Führung fragen, wie erwarten wir, dass Er uns führt? Die meisten Leute haben sich nie viele Gedanken darüber gemacht. Aber wir sollten uns darüber bewusst werden, weil es von größter Bedeutung ist.

Und keinem Menschen steht es zu, daß Allah zu ihm sprechen sollte, außer durch Eingebung oder hinter einem Vorhang oder, indem Er einen Boten schickt, um durch Sein Geheiß zu offenbaren, was Er will; Er ist Erhaben, Allweise. [As-Shura 51]

Erstmal sollte man verinnerlichen, dass man Gottes Diener ist. Es steht einem Diener nicht gut an, den Herrn ständig um etwas zu bitten, was er selber haben möchte. Stattdessen sollte man fragen, was der Herr denn von uns will. Wenn wir so fragen, werden wir sehen, dass Gott uns zu unserer Aufgabe führt und auch, dass sie uns leicht fällt, weil Gott uns ja genau für diese Aufgabe erschaffen hat. Um unseren Lohn müssen wir uns auch keine Sorgen machen, denn Gott ist der beste Arbeitgeber und belohnt seine Diener mit weit mehr, als sie es je selber erwarten würden.

Allah hat denjenigen von ihnen, die glauben und rechtschaffene Werke tun, Vergebung und großartigen Lohn versprochen. [Al-Fath 29]

Allah erwähnt im Koran mehrere Bedingungen, damit er uns führen kann. Allah leitet keine Fasiqun (Übeltäter), Dhalimun (Unterdrücker) und Kafirun (Ungläubigen). Er führt keine ungerechten Menschen und nicht diejenigen, die ihren eigenen Wünsche und Gelüsten folgen. Kurz gesagt, Er führt nicht jene, die nicht an Ihn glauben und nicht Seine Gebote befolgen. (Natürlich sind Ausnahmen möglich: Er leitet Ungläubige zum Islam und lässt Sünder bereuen.)

Allah führt in erster Linie diejenigen, die glauben und gottesfürchtig sind, die Gutes tun, die geduldig und dankbar sind, nach Wissen streben, die sich viel an Allah erinnern und die sich für Gottes Sache einsetzen.

Diejenigen aber, die sich um Unsertwillen abmühen, werden Wir ganz gewiß auf Unsere Wege leiten. Und Allah ist wahrlich mit den Gutes Tuenden. [Al-Ankabut 69]

Eine Form von Leitung (Hidaya) hat sicherlich jeder einmal erlebt, vor allem diejenigen, die dem Islam beigetreten sind: Wir denken die richtigen Dinge, treffen die richtigen Entscheidungen und Dinge fallen an ihren Platz, wie sie sollen. Wenn wir später in die Vergangenheit schauen, sehen wir, dass wir nicht wirklich eine Wahl hatten. Die Dinge geschahen einfach, und das Schicksal hat uns mit sich geführt wie Wind ein Blatt oder Wellen ein Stück Holz mitführen. Alles war irgendwie wie "geplant".

Die meisten Europäer, die Muslime werden, waren wie ich selber sicherlich vorher nie sehr interessiert am Islam. Denn Islam ist einfach zu fremd für den europäisch gebildeten Verstand und auf den ersten Blick wenig anziehend, vor allem jetzt, da Muslime generell bereits unter Terrorverdacht stehen. Es war ein "Zufall"! Ein Buch "fiel" in unsere Hände; wir machten eine Reise in ein muslimisches Land oder haben dort gearbeitet und dadurch den Islam kennen gelernt; wir verliebten uns in ein muslimisches Mädchen - und plötzlich wurden wir Muslime! Später wird uns bewusst, Allah plante es.

Allah lädt zur Wohnstätte des Friedens ein und leitet, wen Er will, zu einem geraden Weg. [Yunus 25]

Dies ist die Form von Hidaya, an die die meisten Menschen wohl denken, wenn sie bei Shalat Istikhara machen. Da diese Form der Hidaya quasi "automatisch" geschieht, gibt es dazu nicht viel zu sagen.

Aber es gibt eine Form von Hidaya, die sich von der ersteren in der Hinsicht unterscheidet, dass wir ihrer gewahr werden, während sie passiert, und wir aktiv eine Wahl zu treffen haben, ob wir der Leitung folgen wollen oder nicht. Das Empfangen dieser Form von Hidaya ist deswegen auch jedes Mal ein Test, ob wir folgen wollen oder nicht.

Ähnlich wie wir erwarten, dass uns jemand den Weg weist, wenn wir ihn danach fragen, erwarten wir auch von Gott, dass Er uns den Weg weist, wenn wir ihn wenigstens 17-mal am Tag darum bitten, und dass Er uns Zeichen gibt, die wir verstehen und folgen können. Dies sind nicht nur die Zeichen des Korans (Ayat, was sowohl Vers als auch Zeichen bedeutet), sondern auch die der Schöpfung selbst. Diese Zeichen müssen wir "sehen" oder "erkennen", was nicht gleich ist mit rationaler Überlegung.

In der Schöpfung der Himmel und der Erde und in dem Unterschied von Nacht und Tag liegen wahrlich Zeichen für die Verständigen. [Ali Imran 190]

Da unser Leben ein Teil der Schöpfung ist, finden wir auch Zeichen in unserem individuellen Leben. Ein solches Zeichen kann ein Gedanke oder eine "Eingebung" sein. Es kann etwas sein, was wir "zufällig" lesen oder von dem wir "zufällig" hören. Es kann ein Traum sein oder etwas, was uns zufällig ins Auge fällt. Ein Zeichen passiert häufig in Verbindung mit anderen und bildet ein Puzzle. Das Puzzle erzeugt ein Bild und weist uns eine Richtung. Nehmen wir ein Beispiel:

Wir haben bereits oft versucht, das Tahajjud Gebet regelmäßig zu beten, aber irgendwie hatten wir nie die Disziplin und gaben es schließlich wieder auf. Eines Tages kommt der Gedanke zu uns: "Ich sollte noch einmal versuchen, es regelmäßig zu machen." Aber es ist nur ein flüchtiger Gedanke, nicht ausreichend, um uns tätig werden zu lassen. Wenig später fällt unser Blick auf die Überschrift eines Artikels eines islamischen Magazins, das jemand auf dem Tisch liegengelassen hat, und wir lesen: "Die Vorzüge des Nachtgebets". In diesem Moment wird uns klar, dass die Übereinstimmung zwischen unserem Gedanken und dem, was wir gerade gelesen haben, Allahs Führung ist! Folgen wir nun dieser Führung und sind dankbar dafür, bekommen wir zusätzliche Führung. Wischen wir diese Zeichen aber beiseite, vielleicht weil wir zu faul zum Nachtgebet sind, kappt Allah diese spezielle Leitung und lässt uns wieder unseren eigenen Ideen und Wünschen folgen, was wir ja offensichtlich lieber tun.

Wahrlich, diejenigen, die gottesfürchtig sind, wenn sie eine Heimsuchung durch Satan trifft, bedenken sie und gleich sehen sie (ihren klaren Weg) wieder. [Al-Araf 201]

Um also Gottes Leitung erkennen zu können, müssen wir uns an Allah erinnern und differenzieren, welche Gedanken von der "guten Seite" kommen, und welche von der schlechten. Obwohl es in den meisten Fällen einfacher sein wird, eine Einflüsterung von Satan zu identifizieren (also z.B. einen Gedanken, der sich gegen Gottes Gesetz richtet) als Gottes Führung zu erkennen, muss dies nicht unbedingt der Fall sein. Der Gedanke "Scheide dich von deiner Frau" wird wahrscheinlich von Satan sein, könnte aber auch eine Leitung Allahs sein. Wenn wir uns an Allah erinnern, sollten wir in der Lage sein, zu differenzieren und zu sehen, was der richtige Weg ist.

Wer sich Satan anstelle Allahs zum Schutzherrn nimmt, der hat fürwahr einen offenkundigen Verlust erlitten. Er macht ihnen Versprechungen und erweckt in ihnen Wünsche; aber der Satan macht ihnen nur Versprechungen in Trug. [An-Nisa 119-120]

Allah sagt uns hier, dass wir zwischen Ihm und Satan als Schutzherr bzw. Führer wählen können. Das ist nur möglich, wenn wir unsere Gedanken beobachten und bewusst feststellen, aus welcher Richtung sie kommen. Allah gibt hier ein Indiz, wodurch wir das erkennen können: Satan verspricht immer großen Gewinn und erweckt in uns Wünsche (meist weltlicher Natur). Aber es stellt sich immer als Fata Morgana heraus, und alle Pläne, so vernünftig und durchdacht sie ausschauen mögen, leiten immer in die Irre.

Natürlich könnten Leute, die noch Zweifel an der These hegen, dass man Gottes Führung bewusst sehen kann, die Bedeutung der obigen Verse eingrenzen, indem sie sagen: "Wer Koran und Sunna befolgt, hat Allah als Führer genommen", was natürlich nicht falsch ist. Dass es aber noch eine weiterführende Leitung gibt, macht unter anderem der folgende Vers deutlich:

Wir berichten dir ihre Geschichte der Wahrheit entsprechend. Sie waren Jünglinge, die an ihren Herrn glaubten und denen Wir ihre Rechtleitung mehrten. [Al-Kahfi 13]

Diese jungen Männer bekamen Führung, aber offensichtlich nicht in Form von Wahy (weil sie keine Propheten waren laut Konsens der Gelehrten) oder in Form von Koran und Sunna (weil beides zu jener Zeit noch nicht existierte).

Beispiele dieser Art von Leitung gibt es viele in Koran und Sunna. Einem Gefährten des Propheten wurde z.B. inspiriert, man könne einen Skorpionstich mit Hilfe der Fatihah heilen; mehrere Vorfälle werden erwähnt, wo normale Menschen, nicht Propheten, Wunder (Karamat) vollbringen. In einem Hadith von Bukhari wird sogar gesagt, dass wenn sich ein Diener Allahs mit zusätzlichem Gottesdienst Gott so weit nähert, bis Allah ihn liebt, wird Allah selbst sein Gehör, mit dem er hört, sein Auge, mit dem er sieht und seine Hand, mit der er greift. Der ideale Diener Gottes hat also Gottes Führung soweit verinnerlicht, dass er ein Gefäß göttlichen Willens und Schöpferkraft wird.

Wir müssen uns daran erinnern, dass wir der Religion Ibrahims a.s. folgen, der seine geliebte Frau und seinen Sohn mitten in der Wüste zurückgelassen hatte, weil er dementsprechend inspiriert wurde. Genau diesen Sohn sollte er dann sogar noch opfern! Alles Taten, die nach heutigen "vernünftigen Maßstäben" als völlig wahnsinnig klassifiziert würden. Wahrscheinlich würde Ibrahim a.s. heute entweder im Knast oder in der Klapse enden, genauso wie Moses a.s, wenn er den Leuten heutzutage mitteilen würde, er wollte mit einem ganzen Volk durch die Wüste ziehen, darauf hoffend, dass Manna vom Himmel regnet.

Dies ist unsere Religion! Islam bedeutet "Ergebenheit". Diese Religion ist für diejenigen, die "verrückt" genug sind, sich Gottes Führung anzuvertrauen, und nicht ihrer Vernunft, ihrem rationalen Denken und ihrem Geldbeutel vertrauen, wie es "moderne Menschen" tun.

Wenn wir sensibel werden und zu erkennen beginnen, dass Allah immer bei uns ist und bereit, uns bei der Hand zu nehmen und zu führen, wenn wir Ihn doch nur lassen.

Ali (r) berichtet, dass der Heilige Prophet (s) sagte: Eine Zeit wird kommen, wenn vom Islam nichts anderes mehr übrig bleiben wird als sein Name, und vom Heiligen Qur-ân nichts übrig bleiben wird als seine Buchstaben. Die Moscheen werden voller Anbeter sein; was jedoch die Rechtleitung angeht, werden sie leer und verlassen sein. Ihre Ulema (Religionsgelehrten) werden die schlimmsten aller Kreaturen unter dem Firmament des Himmels sein. Üble Verschwörungen werden von ihnen ausgehen; und zu ihnen werden sie zurückkehren. {MISHKAT)

Religionsgelehrte heutzutage hört man selten bis nie über "Hidaya" reden. Anders als Bücherwissen kann man nämlich Hidaya nicht im Gedächtnis speichern, in einem Buch oder auf der Festplatte. Wir können nicht darüber debattieren, können damit nicht prahlen oder Geld damit verdienen und anderen auch nicht unseren Universitätsabschluss zeigen.

Hidaya, das Verständnis und Befolgen von Allahs Inspiration, ist ein Geschenk, das wir nicht besitzen können. Wir können viele Jahre studieren, aber es nicht bekommen. Es entzieht sich völlig unserer Macht.

Sag: Allah leitet zur Wahrheit. Hat jemand, der zur Wahrheit leitet, ein größeres Anrecht darauf, daß man ihm folgt, oder jemand, der nur (dann) die Rechtleitung findet, wenn er (selbst) rechtgeleitet wird? Was ist denn mit euch? Wie urteilt ihr? [Yunus 35]

____________________

Verwandter Artikel:

Ein Bild im Spiegel
Die Macht des rationalen Verstandes wird uns jeden Tag eindrucksvoll vor Augen geführt, denn die gesamte moderne Technik basiert auf ihm. Dass der technische Fortschritt mit der Zerstörung des Planeten einhergeht, wird allerdings nicht der Rationalität angelastet...