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Hidaya - Gottes Führung

Das ist Allahs Rechtleitung. Er leitet damit recht,
wen von Seinen Dienern Er will. [Al-Anam 88]

Rechtleitung bzw. Führung ist ein zentrales Thema des Korans, wo es weit mehr als hundert Mal erwähnt wird. Der Koran selber wird "die Führung für die Gottesfürchtigen" und "das Kriterium (von richtig und falsch)" genannt. Leider werden Koran und Sunna heute oft auf ihre Funktion als "Gesetzgeber" reduziert, und nicht so sehr als ein spiritueller Führer gesehen.

Wir beten jeden Tag mehrmals "Führe uns den geraden Weg", aber erkennen wir, wie Führung zu uns kommt? Wir fragen uns: Wenn wir Allah um Führung bitten, wie erwarten wir, dass Er uns führt? Die meisten Leute haben sich wahrscheinlich nie viele Gedanken darüber gemacht. Aber wir sollten uns darüber bewusst werden, weil es von größter Bedeutung ist. Werfen wir erst einmal einen Blick auf die verschiedenen Arten von Gottes Leitung.

Wahy

Diese Art von Führung ist den Propheten vorbehalten (allerdings wird sie im Koran auch im Zusammenhang mit Bienen, Erde, Himmel und Engel verwendet), in der Regel im Sinne von "Inspiration" oder "Offenbarung". Die Natur dieser Art von Führung unterscheidet sich von der des normalen Gläubigen in seiner Form und Funktion. Da die Propheten Gott näher sind, ist die Führung direkter und klarer. Die Offenbarungen der Propheten sind zudem normalerweise für die Allgemeinheit, während die Führung des gewöhnlichen Gläubigen es nicht ist.

Und keinem Menschen steht es zu, daß Allah zu ihm sprechen sollte, außer durch Eingebung oder hinter einem Vorhang oder, indem Er einen Boten schickt, um durch Sein Geheiß zu offenbaren, was Er will; Er ist Erhaben, Allweise. [As-Shura 51]

Doch obwohl die Qualität der Führung von Propheten anders ist als die des normalen Gläubigen, dienen die Propheten uns als Beispiel in verschiedenen Aspekten: Ihr Vertrauen in Gott! Ihre Hingabe an Seinen Willen! Ihr Bewusstsein, ein Diener Allahs zu sein! Nur Allah zu fürchten und sonst niemand, wohl wissend, dass alle Macht in Seinen Händen ist! Durch sie verstehen wir, was wir entwickeln müssen, um selber Führung empfangen zu können.

In ihren Geschichten ist wahrlich eine Lehre für diejenigen, die Verstand besitzen. Es ist keine Aussage, die ersonnen wird, sondern die Bestätigung dessen, was vor ihm war, und die ausführliche Darlegung aller Dinge und eine Rechtleitung und Barmherzigkeit für Leute, die glauben. [Yusuf 111]

Jeder Prophet hatte seine besondere Mission. Prophet Musa a. s. (Moses) zum Beispiel wurde gesandt, um Pharao zu konfrontieren und die Israeliten aus Ägypten zu führen und ihnen ihr Gesetz zu offenbaren. Tatsächlich hat jeder Mensch seine eigene Aufgabe, die natürlich nicht so gewichtig ist wie die eines Propheten aber dennoch wichtig ist zu erkennen. Der Prophet s.a.w. sagte uns, dass die Ummah wie ein Körper ist, und wenn ein Teil des Körpers krank ist, reagiert der ganze Körper mit Fieber. Jeder Muslim ist also ein Teil dieses Körpers, und genau wie jedes Körperteil seine spezielle Funktion hat, so auch jeder Muslim seinen gottgegeben Fähigkeiten entsprechend. In der Regel fällt uns leicht, wozu wir geschaffen sind, ganz genauso wie es einer Hand leicht fällt, zuzugreifen, aber schwer fällt, zu laufen.

Der erste Schritt um herauszufinden, was unsere Aufgabe eigentlich ist, ist erst einmal überhaupt an eine Aufgabe zu glauben und danach zu fragen. Man sollte nicht Gott ständig um das bitten, was man selber will oder haben möchte, sondern Gott fragen, was Er denn von uns will. Wenn wir uns daran erinnern, dass wir Gottes Diener sind und unsere Aufgabe finden, werden wir sehen, dass sie uns leicht fällt, weil Gott uns ja genau für diese Aufgabe erschaffen hat. Um unseren Lohn müssen wir uns auch keine Sorgen machen, denn Gott ist der beste Arbeitgeber und belohnt seine Diener mit weit mehr, als sie es je selber hoffen oder auch nur erträumen können.

Allah hat denjenigen von ihnen, die glauben und rechtschaffene Werke tun, Vergebung und großartigen Lohn versprochen. [Al-Fath 29]

Il-Ham

Intuition ist eine Form der göttlichen Führung, die von gewöhnlichen Menschen empfangen werden kann. Diese Intuition ist nicht gleich der göttlichen Inspiration der Propheten (wahy) in Stärke oder Sicherheit. Deswegen kann sie z.B. nicht Grundlage für die Festlegung gesetzlicher Regelungen sein. Beispiele für diese Form der Intuition sind z.B. Abu Bakr r.a. der wusste, dass seine Frau mit einem Jungen schwanger war, und Umar r.a, der einen Überfall auf eine muslimische Armee in Persien erschaute und während einer Freitagspredigt den Name des Amir dieser Armee ausrief, wie um ihn vor dem drohenden Überfall zu warnen: "O Sariya, der Berg!"

Al-Furqan

Der Monat Ramadan (ist es), in dem der Qur'an als Rechtleitung für die Menschen herabgesandt worden ist und als klare Beweise der Rechtleitung und der Unterscheidung. [Al-Baqarah 185]

Durch Wahy wurde die wichtigste Quelle der Führung Gottes für die Menschheit offenbart: der Koran. Nachdem die Muslime in der ersten Sure aufgefordert werden, Gott um Leitung zu bitten, wird in der zweiten Sure direkt auf diese Leitung hingewiesen:

Dieses Buch, an dem es keinen Zweifel gibt, ist eine Rechtleitung für die Gottesfürchtigen. [Al-Baqarah 2]

Aber es gibt ein paar Probleme:

  • Die meisten Muslime heutzutage sind Nicht-Araber und brauchen eine Übersetzung. Eine Übersetzung ist aber niemals gleich mit dem ursprünglichen Text und verzerrt zu einem gewissen Grad seine Bedeutung. Auch Araber selbst kennen oft nicht die Feinheiten des koranischen Arabisch.
  • Der Koran braucht Interpretation! Obwohl die meisten Dinge klar zu sein scheinen, brauchen wir oft zusätzliche Erläuterungen (Tafsir). Vor allem, wenn eine Regelung oder Gesetz festgelegt werden soll, muss ein Vers kategorisiert und in Beziehung zu anderen Versen und Ahadith (Berichte über den Propheten) gestellt werden. Da die Gelehrten sich selber oft nicht einig sind, welcher Interpretation wollen wir folgen? Es scheint, wir brauchen wiederum Gottes Leitung, um die Rechtleitung des Korans richtig zu verstehen.
  • Es ist nicht immer möglich, die Scharia und die Sunna in der heutigen Welt umzusetzen. Wer z.B. in Europa arbeitet, wird Schwierigkeiten damit haben, seinem Arbeitgeber zu erklären, dass ein Nickerchen am Mittag Sunna ist. Selbst Dinge, die explizit haram sind, scheinen manchmal nicht vermeidbar, wie z.B. die Verwendung von Papiergeld. Wie entscheiden wir, was wir von Koran und Sunna in unserer individuellen Situation umsetzen wollen und welche Konsequenzen wir dafür in Kauf nehmen?

Hadith

Die nächste Quelle der Rechtleitung sind die Berichte vom Propheten (Gott segne ihn und gebe ihm Heil). Die gleichen Probleme, die wir mit dem Koran haben, haben wir jedoch auch mit dem Hadith, und sogar noch mehr: Die Hadithe sind weniger zuverlässig als der Koran und nicht immun gegen Fälschung und Fehler.

Gelehrten

Die Rechtsschulen des Islams sind die zuverlässigste Quelle von Rechtsprechung, die wir haben. Diese Art von Rechtsprechung dient in erster Linie dazu, um zu sehen, inwieweit unsere Handlungen konform mit dem göttlichen Gesetz sind. Des Weiteren sind die Glaubenslehren (Aqidah) von Ash'ari und Maturidi die vernünftigsten und die Lehren des frühen Tassawuf wie Imam Qushayri. Alles menschengemacht und daher nicht vollkommen.

Mushwara

Wenn man eine Entscheidung für ein bestimmtes Problem sucht, ist es empfohlen, sich mit wissenden Vertrauenspersonen zu beraten, um die Vor- und Nachteile einer Sache besser abwiegen zu können und Aspekte zu sehen, die man selber vielleicht übersehen oder zu wenig Bedeutung beigemessen hat.

Und diejenigen, die auf ihren Herrn hören und das Gebet verrichten, ihre Angelegenheiten) durch Beratung untereinander (regeln). [As-Shura 38]

Istikhara

Hat man sich bereits beraten oder sollte dies nicht möglich sein, empfiehlt sich weiterhin, Gott direkt um Leitung zu fragen mit einem speziellen Gebet, das sich Shalat Istikhara nennt.

Dschabir (r) berichtet: Der Gesandte Allahs (s) lehrte uns immer wieder, in jeder Angelegenheit, Gottes Führung zu erbitten, wie er uns immer wieder eine Sure aus dem Qur'an lehrte. Er sagte: "Wenn jemand von euch beabsichtigt, etwas zu tun, so soll er zusätzlich zwei Rak'a verrichten und dann sprechen: ,Oh Allah! Ich bitte Dich um Deinen Rat aufgrund Deines Wissens; ich bitte Dich um Kraft aufgrund Deiner Kraft, und ich bitte Dich, mir von Deiner unermesslichen Güte (zu geben); denn Du allein hast die Macht und ich nicht. Du weißt alles und ich weiß nichts. Du allein weißt das Verborgene. Oh Allah! Wenn Du weißt, dass diese Sache gut für mich ist, für meine Religion, mein Leben auf Erden und für mein Leben im Jenseits, so bestimme sie mir, und erleichtere mir, sie zu erreichen! Dann segne dies (was Du mir gewährt hast). Weißt Du jedoch, dass diese Sache schlecht ist für mich, für meine Religion, für mein Leben auf Erden und für mein Leben im Jenseits, so wende sie von mir ab, und halte mich von ihr fern! Bestimme mir Gutes, wo immer es auch sei, und mache mich zufrieden damit." Er sagte: "Und er soll seine Sache nennen." [Al-Bukhari]

Hidaya

Um zur richtigen Umsetzung von Koran und Hadith in unserem individuellen Leben zu kommen und die richtigen persönlichen Entscheidungen zu fällen, müssen wir letztlich unserer Inspiration und Intuition vertrauen, der Stimme des Herzens. Diese Leitung des Herzens wollen wir Hidaya nennen.

Allah erwähnt im Koran mehrere Bedingungen, damit er uns führen kann. Allah leitet keine Fasiqun (Übeltäter), Dhalimun (Unterdrücker) und Kafirun (Ungläubigen). Er führt keine ungerechten Menschen und nicht diejenigen, die ihren eigenen Wünsche und Gelüsten folgen. Kurz gesagt, Er führt nicht jene, die nicht an Ihn glauben und nicht Seine Gebote befolgen. (Natürlich sind Ausnahmen möglich: Er leitet Ungläubige zum Islam und lässt Sünder bereuen.)

Allah führt in erster Linie diejenigen, die glauben und gottesfürchtig sind, die Gutes tun, die geduldig und dankbar sind, nach Wissen streben, die sich viel an Allah erinnern und die sich für Gottes Sache einsetzen.

Diejenigen aber, die sich um Unsertwillen abmühen, werden Wir ganz gewiß auf Unsere Wege leiten. Und Allah ist wahrlich mit den Gutes Tuenden. [Al-Ankabut 69]

Die passive Form von Hidaya

Diese Form von Hidaya hat sicherlich jeder einmal erlebt, vor allem diejenigen, die dem Islam beigetreten sind: Wir denken die richtigen Dinge, treffen die richtigen Entscheidungen und Dinge fallen an ihren Platz, wie sie sollen. Wenn wir später in die Vergangenheit schauen, sehen wir, dass wir nicht wirklich eine Wahl hatten. Die Dinge geschahen einfach, und das Schicksal hat uns mit sich geführt wie Wind ein Blatt oder Wellen ein Stück Holz mitführen. Alles war irgendwie wie "geplant".

Die meisten Europäer, die Muslime werden, waren sicherlich vorher nie sehr interessiert am Islam. Denn Islam ist einfach zu fremd für den europäisch gebildeten Verstand und auf den ersten Blick wenig anziehend, vor allem jetzt, da Muslime generell bereits unter Terrorverdacht stehen. Es war ein "Zufall"! Ein Buch "fiel" in unsere Hände; wir machten eine Reise in ein muslimisches Land oder haben dort gearbeitet und dadurch den Islam kennen gelernt; wir verliebten uns in ein muslimisches Mädchen - und plötzlich wurden wir Muslime! Später wird uns bewusst, Allah plante es.

Allah lädt zur Wohnstätte des Friedens ein und leitet, wen Er will, zu einem geraden Weg. [Yunus 25]

Dies ist die Form von Hidaya, an die die meisten Menschen wohl denken, wenn sie bei Shalat Istikhara machen. Da diese Form der Hidaya quasi "automatisch" geschieht, gibt es dazu nicht viel zu sagen.

Die aktive Form von Hidaya

Diese Form der Hidaya unterscheidet sich von der ersteren in der Hinsicht, dass wir ihrer gewahr werden, während sie passiert, und aktiv eine Wahl zu treffen haben, ob wir der Leitung folgen wollen oder nicht. Das Empfangen dieser Form von Hidaya ist deswegen auch jedes Mal ein Test, ob wir folgen wollen oder nicht.

Ähnlich wie wir erwarten, dass uns jemand den Weg weist, wenn wir ihn danach fragen, erwarten wir auch von Gott, dass Er uns den Weg weist, wenn wir Ihn wenigstens 17-mal am Tag darum bitten, und dass Er uns Zeichen gibt, die wir verstehen und folgen können. Dies sind nicht nur die Zeichen des Korans, sondern auch die der Schöpfung selbst. Diese Zeichen müssen wir "sehen" oder "erkennen", was nicht gleich ist mit rationaler Überlegung.

In der Schöpfung der Himmel und der Erde und in dem Unterschied von Nacht und Tag liegen wahrlich Zeichen für die Verständigen. [Ali Imran 190]

Da unser Leben selbst Teil der göttlichen Schöpfung ist, durchzieht es ebenfalls ein Geflecht von Zeichen. Diese Zeichen können in Form eines Gedankens oder einer inneren Eingebung erscheinen. Sie können uns in einer scheinbar zufälligen Lektüre begegnen, in einem beiläufig Gehörten, in einem Traum oder in einem Moment, in dem unser Blick unerwartet an etwas hängenbleibt. Oft stehen solche Zeichen nicht isoliert, sondern treten in Verbindung miteinander. Wie Teile eines Puzzles fügen sie sich zusammen und lassen allmählich ein Bild entstehen – ein Bild, das Orientierung schenkt und uns eine Richtung weist. Nehmen wir ein Beispiel:

Wir haben bereits oft versucht, das Tahajjud Gebet regelmäßig zu beten, aber irgendwie hatten wir nie die Disziplin und gaben es schließlich wieder auf. Eines Tages kommt der Gedanke zu uns: "Ich sollte noch einmal versuchen, es regelmäßig zu machen." Aber es ist nur ein flüchtiger Gedanke, nicht ausreichend, um uns tätig werden zu lassen. Wenig später fällt unser Blick auf die Überschrift eines Artikels eines islamischen Magazins, das jemand auf dem Tisch liegengelassen hat, und wir lesen: "Die Vorzüge des Nachtgebets". In diesem Moment wird uns klar, dass die Übereinstimmung zwischen unserem Gedanken und dem, was wir gerade gelesen haben, Allahs Führung ist! Folgen wir nun dieser Führung und sind dankbar dafür, bekommen wir zusätzliche Führung. Wischen wir diese Zeichen aber beiseite, vielleicht weil wir zu faul zum Nachtgebet sind, kappt Allah diese spezielle Leitung und lässt uns wieder unseren eigenen Ideen und Wünschen folgen, was wir ja offensichtlich lieber tun.

Wahrlich, diejenigen, die gottesfürchtig sind, wenn sie eine Heimsuchung durch Satan trifft, bedenken sie und gleich sehen sie (ihren klaren Weg) wieder. [Al-Araf 201]

Um also Gottes Leitung erkennen zu können, müssen wir uns an Allah erinnern und differenzieren, welche Gedanken von der "guten Seite" kommen, und welche von der schlechten. Obwohl es in den meisten Fällen einfacher sein wird, eine Einflüsterung von Satan zu identifizieren (also z.B. einen Gedanken, der sich gegen Gottes Gesetz richtet) als Gottes Führung zu erkennen, muss dies nicht unbedingt der Fall sein. Der Gedanke "Scheide dich von deiner Frau" wird wahrscheinlich von Satan sein, könnte aber auch eine Leitung Allahs sein. Wenn wir uns an Allah erinnern, sollten wir in der Lage sein, zu differenzieren und zu sehen, was der richtige Weg ist.

Wer sich Satan anstelle Allahs zum Schutzherrn nimmt, der hat fürwahr einen offenkundigen Verlust erlitten. Er macht ihnen Versprechungen und erweckt in ihnen Wünsche; aber der Satan macht ihnen nur Versprechungen in Trug. [An-Nisa 119-120]

Allah sagt uns hier, dass wir zwischen Ihm und Satan als Schutzherr bzw. Führer wählen können. Das ist nur möglich, wenn wir unsere Gedanken beobachten und bewusst feststellen, aus welcher Richtung sie kommen. Allah gibt hier ein Indiz, wodurch wir das erkennen können: Satan verspricht immer großen Gewinn und erweckt in uns Wünsche meist weltlicher Natur. Aber es stellt sich immer als Fata Morgana heraus, und alle Pläne, so vernünftig und durchdacht sie ausschauen mögen, leiten immer in die Irre.

Natürlich könnten Leute, die noch Zweifel an der These hegen, dass man Gottes Führung bewusst sehen kann, die Bedeutung der obigen Verse eingrenzen, indem sie sagen: "Wer Koran und Sunna befolgt, hat Allah als Führer genommen", was natürlich nicht falsch ist. Dass es aber noch eine weiterführende Leitung gibt, macht unter anderem der folgende Vers deutlich:

Wir berichten dir ihre Geschichte der Wahrheit entsprechend. Sie waren Jünglinge, die an ihren Herrn glaubten und denen Wir ihre Rechtleitung mehrten. [Al-Kahfi 13]

Diese jungen Männer bekamen Führung, aber offensichtlich nicht in Form von Wahy (weil sie keine Propheten waren laut Konsens der Gelehrten) oder in Form von Koran und Sunna (weil beides zu jener Zeit noch nicht existierte).

Beispiele dieser Art von Leitung gibt es viele in Koran und Sunna. Einem Gefährten des Propheten wurde z.B. inspiriert, man könne einen Skorpionstich mit Hilfe der Fatihah heilen; mehrere Vorfälle werden erwähnt, wo normale Menschen, nicht Propheten, Wunder (Karamat) vollbringen. In einem Hadith von Bukhari wird sogar gesagt, dass wenn sich ein Diener Allahs mit zusätzlichem Gottesdienst Gott so weit nähert, bis Allah ihn liebt, wird Allah selbst sein Gehör, mit dem er hört, sein Auge, mit dem er sieht und seine Hand, mit der er greift. Der ideale Diener Gottes hat also Gottes Führung soweit verinnerlicht, dass er ein Gefäß göttlichen Willens und Schöpferkraft wird.

Wir müssen uns daran erinnern, dass wir der Religion Ibrahims a.s. folgen, der seine geliebte Frau und seinen Sohn mitten in der Wüste zurückgelassen hatte, weil er dementsprechend inspiriert wurde. Genau diesen Sohn sollte er dann sogar noch opfern! Alles Taten, die nach heutigen "vernünftigen Maßstäben" als wahnsinnig klassifiziert würden. Wahrscheinlich würde Ibrahim a.s. heute entweder im Knast oder in der Klapse enden, genauso wie Moses a.s, wenn er den Leuten heutzutage mitteilen würde, er wollte mit einem ganzen Volk durch die Wüste ziehen, darauf hoffend, dass Manna vom Himmel regnet.

Islam bedeutet "Ergebenheit". Diese Religion ist für diejenigen, die "verrückt" genug sind, sich Gottes Führung anzuvertrauen, und nicht ihrer Vernunft, ihrem rationalen Denken und ihrem Geldbeutel vertrauen, wie es "moderne Menschen" tun. Wenn wir uns wirklich Gott ergeben, werden wir sehen, wie fantastisch und wunderbar das Leben eigentlich ist.

Ali (r) berichtet, dass der Heilige Prophet (s) sagte: Eine Zeit wird kommen, wenn vom Islam nichts anderes mehr übrig bleiben wird als sein Name, und vom Heiligen Qur-ân nichts übrig bleiben wird als seine Buchstaben. Die Moscheen werden voller Anbeter sein; was jedoch die Rechtleitung angeht, werden sie leer und verlassen sein. Ihre Ulema (Religionsgelehrten) werden die schlimmsten aller Kreaturen unter dem Firmament des Himmels sein. Üble Verschwörungen werden von ihnen ausgehen; und zu ihnen werden sie zurückkehren. {MISHKAT)

Religionsgelehrte heutzutage hört man selten bis nie über "Hidaya" reden. Anders als Bücherwissen kann man nämlich Hidaya nicht im Gedächtnis speichern, in einem Buch oder auf der Festplatte. Wir können nicht darüber debattieren, können damit nicht prahlen oder Geld damit verdienen und anderen auch nicht unseren Universitätsabschluss zeigen.

Hidaya, das Verständnis und Befolgen von Allahs Inspiration, ist ein Geschenk, das wir nicht besitzen können. Wir können viele Jahre studieren, aber es nicht bekommen. Es entzieht sich völlig unserer Macht. Selbst der Prophet (Gott segne ihn und gebe ihm Heil) konnte es nicht erzwingen. Als z.B. die Juden ihm einmal drei Fragen stellten um ihn zu testen, sagte er ihnen, dass er ihnen morgen antworten würde, als ob er Allah befehlen könnte, ihm Leitung und Inspiration zu geben. Daraufhin wurde er getadelt.

Und sag ja nur nicht von einer Sache: "Ich werde dies morgen tun", außer (du fügst hinzu): "Wenn Allah will." [Al-Kahf 23-24]

Und wer sind wir im Vergleich zu dem Propheten (Gott segne ihn und gebe ihm Heil)? Jeder Anhänger eines Sufi-Scheichs sollte das nicht vergessen.

Sag: Allah leitet zur Wahrheit. Hat jemand, der zur Wahrheit leitet, ein größeres Anrecht darauf, daß man ihm folgt, oder jemand, der nur (dann) die Rechtleitung findet, wenn er (selbst) rechtgeleitet wird? Was ist denn mit euch? Wie urteilt ihr? [Yunus 35]

Hier sind ein paar Grundregeln, die normalerweise (aber nicht zwingenderweise) nötig sind, um Hidaya zu bekommen.

  • Gotterinnern in Furcht und Dankbarkeit, natürlich speziell dann, wenn man vor einer Entscheidung steht, dem Ausspruch des Propheten (Gott segne ihn und gebe ihm Heil) folgend: Das Gleichnis desjenigen, der sich Allahs erinnert mit dem, der es nicht tut, ist wie der eines Lebendigen und eines Toten.
  • Befolgen von Koran und Sunna, ohne dabei in die Extreme zu gehen. Dies ist die Basis wie beim Autofahren die Verkehrsregeln zu beachten. Aber wie uns Khidr gelehrt hat, mag es manchmal auch nötig sein, über eine rote Ampel zu fahren.
  • Gott nach seiner Aufgabe fragen und wie man Ihm mit seinen individuellen Fähigkeiten am besten dient, d.h. nicht den eigenen Ideen und Wünschen hinterherrennen, die letztlich von Satan einsuggeriert werden. Habe Ich euch, ihr Kinder Adams, nicht geboten, nicht Satan zu dienen - denn er ist euer offenkundiger Feind -, sondern Mir allein zu dienen? Das ist der gerade Weg. [YaSin 60-61]
  • Aufmerksamkeit im Gebet und Zusatz-Gottesdienst machen, insbesondere Koranlesen, Nachtgebet (Tahajjud), Islam propagieren und Wissen suchen (wobei man da auch wieder Gottes Leitung braucht, um intuitiv zu merken, welches Wissen in unserer individuellen Situation von Nutzen ist und welches uns die kostbare Zeit klaut. Rasulallah (Gott segne ihn und gebe ihm Heil) bat Allah, ihn vor unnützen Wissen zu beschützen).
  • Man darf, gerade am Anfang, nicht fanatisch werden und in allem und jedem ein Zeichen Allahs sehen, vor allem nicht versuchen, versteckte Bedeutungen im Koran zu finden.
  • Verstehen lernen, wie Satan uns immer davon abhalten will, Gottes Führung zu folgen. Allah gibt uns dazu im Koran mehrere Beispiele, wie z.B. die von Ibrahim a.s, der seinen Sohn opfern soll, worauf Satan ihm in Form eines alten Mannes erscheint und ihn mit "vernünftigen Gründen" versucht davon abzuhalten. Wenn wir diesem System entkommen wollen, werden wir gewiss auf vermeintliche Sicherheiten wie gesicherten Lebensunterhalt verzichten müssen. Genau davor warnt uns dann Satan: Der Satan verspricht euch Armut und befiehlt euch Schändliches. Allah aber verspricht euch Vergebung von Sich aus und Huld. [al-Baqarah 268]
  • Mit Rückschlägen rechnen und Geduld haben: Ein Kennzeichen davon, dass man noch auf eigene Werke vertraut, ist, dass sich bei einem Fehltritt die Hoffnung vermindert. [Ibn Ata'allah]
  • Verinnerlichen, dass es keine objektive Realität gibt und sie sich je nach unserem Glauben formt. Genauso wie wir z.B. bei Ruqyah inshaAllah Erfolg haben werden, wenn wir festen Glauben haben, dass der Koran wirkt, so "funktionieren" viele Dinge nur, wenn wir auch daran glauben. Das beinhaltet Gelassenheit und Vertrauen. Wenn uns Allah eine Sache aufträgt, können wir sicher sein, dass wir es auch schaffen können. Allah erlegt keiner Seele mehr auf, als sie zu leisten vermag. [al-Baqarah 286]

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