In einem ansonsten banalen Sci-Fi-Action-Movie der vor einiger Zeit im Kino lief, wurde ein interessantes Thema behandelt. Mit Hilfe des Mind-Machine-Interfaces wurden zwei Hirne zusammengeschlossen. Auch sonst bot der Film etwas wert der Kontemplation.
Außerirdische Wesen tauchen aus einer Spalte im Pazifik auf und bedrohen die Menschheit. Um sie zu bekämpfen, werden monströse Roboter gebaut – doch diese sind so komplex, dass sie von zwei Piloten gleichzeitig gesteuert werden müssen, deren Gehirne zusammengeschlossen sind. Alle Gedanken und Erinnerungen des einen werden dem anderen offenbart.
Diese Geschichte ist sehr inspierend! Sie lässt einen z.B. an eine Überlieferung der Kabbalisten denken – jener mystischen Tradition innerhalb des Judentums, die sich mit den verborgenen Dimensionen göttlicher Einheit befasst. Nach ihrer Vorstellung existierte anfänglich Adam Kadmon, der „ursprüngliche Mensch" – ein kosmisches Urwesen. Als dieses Urwesen in die materielle Welt hinabstieg, zerfiel es in 600.000 einzelne Teile. Jeder dieser Teile, so die kabbalistische Lehre, ist eine individuelle Seele.
Die Prophezeiung besagt nun: Am Ende der Zeit werden sich diese 600.000 Teile wieder vereinigen. Der ursprüngliche Adam Kadmon ersteht erneut – nicht als einzelnes Wesen, sondern als die vollkommene Einheit der Seelen, in der jeder Teil seinen einzigartigen Beitrag zum Ganzen einbringt, ohne dabei seine Individualität zu verlieren.
Interessant ist nun: Was in der Kabbalah als spirituelle Endzeitvision erscheint, könnte durch heutige Technologie Wirklichkeit werden. Mit Hilfe des Mind-Machine-Interfaces, der Schnittstelle von Hirn und Computer, könnte eines Tages diese Vision real werden. Was wäre, wenn sich nicht nur zwei Piloten – wie im Film – ihre Gedanken teilen, sondern 600.000 Menschen? Was wäre, wenn die Grenzen zwischen den einzelnen Bewusstseinen durchlässig würden, ohne dass die Einzelnen dabei verschwinden? Man stelle sich vor: 600.000 zusammengeschlossene Hirne, unterstützt von AI, Quantencomputern und Nuklearfusion. Welche Probleme könnten sie lösen? Welche Erfindungen könnten sie hervorbringen? Was für eine Welt könnten sie erschaffen? Ist es das, was die Anhänger Dajjals anstreben, ein gigantisches Hive-Mind unter der Führung ihres Messiahs?
Dass dies nicht alles nur herbei fantasierte Science-Fiction sein muss, zeigt ein Experiment an der Universität Washington, bei der mit Hilfe eines EEG, Magnetspule und Internet der Gedanke eines Menschen den Finger eines anderen Menschen bewegte. "Es war sowohl aufregend als auch unheimlich, eine bloße Vorstellung aus meinem Gehirn in eine tatsächliche Handlung eines anderen Gehirns verwandelt zu sehen", sagte einer der Probanden.
Aber noch ein anderes Thema in dem Film dient gut der Kontemplation: die Steuerung des Roboters.
Das Wort 'robota' stammt von dem tschechischen Autor Karel Capek aus dem Stück R.U.R. (Rossum's Universal Robots), veröffentlicht 1920. Das Wort meint soviel wie Frohnarbeit oder harte Arbeit, ja es steckt selbst in dem Wort Ar-beit. Es kommt vom alten bulgarischen Wort rabota, das Dienstleistung bedeutet.
Von Anfang an wurde eine bestimmte Urangst in Filmen und Geschichten thematisiert (wie z.B. in Westworld, Runaway, Terminator, Robocop, Enthiran, Matrix bis hin zu I, Robot): Der Roboter will sich aus seiner Sklavenarbeit befreien und selber Herr werden. Er beginnt einen Krieg mit denen, die ihn geschaffen haben! Warum diese Angst so tief sitzt, wollen wir untersuchen und müssen dafür etwas ausholen.
Heutige Physik sagt uns das Folgende: Zeit ist keine feste, unveränderliche Größe, die unabhängig von uns existiert. Sie ist vielmehr ein „auftauchendes Phänomen" – das bedeutet: Zeit entsteht überhaupt erst dadurch, dass wir wahrnehmen. Sie „taucht auf", sobald ein Beobachter ins Spiel kommt, der sich innerhalb des Systems befindet, das er betrachtet. Einfacher gesagt: Ohne Wahrnehmung gibt es keine Zeit. Zeit ist nicht wie ein Fluss, der einfach so dahinfließt, ob wir hinsehen oder nicht. Zeit ist eher wie ein Bild auf einem Bildschirm – sie erscheint nur, wenn das Gerät eingeschaltet ist und jemand hinschaut.
Unser Bewusstsein, das sich durch das Essen der Frucht der Erkenntnis gebildet hat, ist genau das, was uns in diese Welt von Raum und Zeit „hinabsteigen" ließ. Mit anderen Worten: Dadurch, dass wir zu bewussten Wahrnehmern wurden, sind wir überhaupt erst in die Zeit eingetreten. Vorher – in einem Zustand von Einheit – gab es keine Trennung in Gestern, Heute und Morgen, kein Hier und Dort. Erst die Wahrnehmung spaltete die Wirklichkeit in Subjekt und Objekt, in Innen und Außen, in Vergangenheit und Zukunft.
Und dieses „auftauchende Phänomen" – die Zeit – verschwindet wieder, wenn die Wahrnehmung aufhört. Das geschieht bei unserem Tod. Wenn der Körper stirbt und das Bewusstsein, das an Raum und Zeit gebunden war, sich auflöst, dann fällt auch die Zeit dahin. Was bleibt, ist das, was immer schon da war – jenseits von Raum, Zeit und Form. Was bleibt ist Sein an sich oder die reine Substanz von Realität.
Wenn Gott Einheit ist und wir nach unserem Tod zur Einheit wieder zurückkehren (Wahrlich, von Gott kommen wir und zu Ihm ist die Rückkehr), dann könnten in diesem Moment alle unsere Gedanken und Taten den anderen offenbar werden, wie dies auch vom Jüngsten Tag beschrieben wird. Zu jener Zeit wird ersichtlich, wer ein reines Gewissen hat, d.h. seine Gedanken und Taten nicht zu verbergen braucht.
Dies ist eine sehr gute Meditation: Man stelle sich einfach vor, wie bei dem Film auch, alles was man tut und denkt ist den anderen ersichtlich! Sicherlich würde uns das vor vielen Sünden bewahren, von denen wir nicht wollen, daß sie anderen bekannt werden. Wir würden wünschen, wir hätten gut von anderen gedacht und nur ihr Bestes im Sinn gehabt, anstatt Schlechtes über sie zu denken und zu reden!
Wenn die Hüllen der Welt von Zeit, Raum und Form hinweggezogen werden, ist die Seele dazu aufgefordert, die Substanz seiner Realität zu konfrontieren. Gleichheit und essentielle Konformität mit dieser Substanz bei dieser Konfrontation ist, was Religionen 'Errettung' nennen. Das Fehlen einer adäquaten Konformität zu dieser Substanz, das Fehlen der Qualitäten und Gleichgewicht des Seins mit dem man konfrontiert ist, das Fehlen zum Beispiel von Gutsein, Aufrichtigkeit, Demut (menschliche Entsprechungen der heiligen Qualitäten von Gnade, Wahrheit und Majestät), ruft das Gegenteil. Die Hölle ist nicht die Rache eines grausamen Gottes, sondern die Konsequenz der Natur von Realität! Gott kann alle Sünden vergeben außer einer: Verneinung seiner Realität, das ist, nichts ist absolut real außer Ihm!
[Cyril Glassé, The Concise Encyclopedia of Islam]
Im Moment des Todes kommt die Wahrheit ans Licht, nicht nur für andere, sondern vor allem für uns selbst! Wir werden dann sehen, inwieweit wir unser eigenes Selbst verraten haben und von dieser Welt genarrt wurden, die uns dazu verführte, gegen unsere wahre Natur zu handeln.
Wann aber handeln wir gemäß unserer wahren Natur und wann nicht?
Ganz grob natürlich, wenn wir die Gebote der Religion befolgen, die unserer wahren Natur entsprechen und diese schützen.
Für die 'Feinsteuerung' aber hilft die Vorstellung, in einem Roboter zu sein! Wir stellen uns vor, wir wären ein Pilot innerhalb unseres Körpers.
Wir fangen langsam an, die Funktionen des Körpers zu überprüfen, so wie ein Pilot sein Flugzeug vor dem Start checkt:
Irgendwann wird folgendes passieren: Die Konzentration läßt nach. Wir achten nicht mehr auf Atmung und Zikir und identifizieren uns wieder mit dem Roboter! Die Gedanken, unsere Sinne, diese Welt, vereinnahmen uns! Wir glauben wieder, der Handelnde zu sein! Wir glauben wieder an die Wirklichkeit dieser Welt und werden von ihr fortgezogen, ganz ähnlich als ob wir Fernsehen gucken und für den Augenblick vergessen, das es nur ein Film ist! Der Roboter, der eigentlich dienen und arbeiten soll, erklärt sich selbst zum Herrn, und wir werden sein Sklave! Dies ist der Moment, in dem wir unser wahres Selbst aufgeben zugunsten der Illusion des Spiegels, gemäß des Hadith: Der Vergleich desjenigen, der sich Allahs erinnert und der sich nicht erinnert, ist wie der eines Lebendigen mit einem Toten; oder: Die Menschen schlafen. Dann, wenn sie sterben, erwachen sie!
Nur Wachsein bewahrt uns davor, Opfer unserer Triebseele (Nafs), dieser Welt (Dunia) und Satan zu werden! Alle spirituellen Übungen haben vor allem einen Sinn: uns wachzuhalten und Allah zu gedenken. Dazu gehören das Pflichtgebet, der Dhikr und die Gebete, die nach der Sunnah – dem Vorbild des Propheten, Gott segne ihn und gebe ihm Heil – für die täglichen Handlungen ausgeführt werden.
Wer sich wachhält, wird sich irgendwann inshaAllah bewußt, wie Allah alles erschafft, und daß er selber in Wahrheit ein Nichthandelnder ist. Er wird sich bewußt werden, wann er seiner Triebseele und dieser Welt folgt und wann er sich Allah vertrauensvoll hingibt, d.h. ein wahrer Muslim ist. Er wird zu einem Sehenden, der von Gott zu seinem Schicksal geführt wird.
Abu Hurairah (möge Allah mit ihm zufrieden sein), überlieferte, daß der Prophet (Gott segne ihn und gebe ihm Heil) sagte:
Allah, der Erhabene, sagt (in einem Hadith Qudsi):
Demjenigen, der einen Waliyy von Mir (einen Mir Nahestehenden) zum Feind nimmt, habe Ich den Krieg erklärt, und das beste, mit dem Mein Diener sich Mir annähern kann, sind die von mir gebotenen Pflichten (fard) zu verrichten. Und mein Diener nähert sich mir solange durch freiwillige Taten (nafila) an, bis Ich ihn liebe. Und wenn Ich ihn liebe, dann bin Ich sein Ohr, mit dem er hört, und sein Auge, mit dem er sieht und seine Hand, mit der er zupackt und sein Fuß, mit dem er geht. Und wenn er Mich nach etwas fragt, dann gebe Ich ihm. Und wenn er Mich um Zuflucht bittet, dann gewähre Ich sie ihm.
(Sahih Al-Bukhari)
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