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Autor: Abdullah

Warum einem Madhhab folgen?

Ein Madhhab ist ein komplexes Gebilde, an dem Generationen von Gelehrten gebaut haben, um immer kompliziertere Fragen zu lösen, wobei sie verschiedene Grundrichtungen eingeschlagen und verschiedene Prinzipien angewandt haben. Meines Wissens ist der schafi´itische Madhhab sehr nahe an dem, was man als Fiqh as-Sunna bezeichnen kann. Allerdings gibt es auch hier einige Dinge, die ich nicht befürworte, und Regeln deren Befolgung einem unnötige Härten auferlegen. So sollte z.B. die Klassifizierung derjenigen Tiere, deren Genuß erlaubt, verwerflich oder verboten ist, die rituell rein oder unrein sind, völlig neu, an den modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen orientiert erfolgen.

Im Arabischen wird für "Reißzahn" und "Stoßzahn" dasselbe Wort verwendet, was dazu geführt hat, daß der Elephant von den Schafi´iten als unrein betrachtet wird, was bedeutet, daß der Genuß seines Fleisches verboten ist (obwohl es sich um einen reinen Pflanzenfresser handelt), und daß ein Stück von ihm, z.B. von seinen Stoßzähnen, ein Stück Elfenbein, als rituell unrein betrachtet wird. Dieser Meinung kann ich mich nicht anschließen. Jemandem, der nicht die rituelle Reinheit besitzt, ist es bei ihnen nicht nur nicht erlaubt, ein Qur'an-Exemplar zu berühren, sondern sogar das Pult, auf dem es liegt.

Andererseits bin ich, wie die meisten selbst in der Schari´a bewanderten Muslime, kein Mudschtahid. Viele der auftretenden Fragen kann man nicht aus dem Stehgreif oder auch nur in kurzer Zeit lösen. Handelt es sich z.B. um eine Frage, die das Gebet betrifft, so kann es sein, daß man Tage braucht, um eine Antwort zu finden, während das nächste Gebet bereits in wenigen Minuten fällig sein kann. Also sollte man wenigsten einen der anerkannten Madhahib als Basis haben, von der aus man sich in Einzelfällen auch anderswohin begeben kann, und zu der man sich im Zweifelsfall immer wieder zurückbegeben kann.

Selbst Scheich Nuh, der die Meinung vertritt, daß man einem der anerkannten sunnitischen Madhahib angehören sollte, da man sonst "einen Mercedes für ein Go-Kart eintauscht", weil man nicht einfach nur nach einem Auto verlangen kann, sondern eine bestimmte Marke nennen muß, gesteht seinen Schülern zu, in Bereichen, die sich nicht überschneiden, wie z.B. rituelle Reinheit und Gebet, auf andere Madhahib zurückzugreifen, um unnötige Härten zu vermeiden. So ist z.B. bei den Schafi´iten das Lab zur Herstellung von Käse, das aus dem Magen von Kälbern gewonnen wird, rituell unrein, wenn das Tier nicht islamisch geschächtet worden ist, und damit auch der Käse, weil er mit dem Lab in Berührung gekommen ist. In Ländern, wo die meisten tierischen Nahrungsmittel für Muslime wegen ihrer Unreinheit verboten sind, und der Genuß von Käse eine Ausweichmöglichkeit darstellt, bedeutet dies eine besondere Härte. In diesem Fall kann man die Regel der hanafitischen Schule anwenden, wonach solcher Käse nicht unrein ist und gegessen werden darf.

Nach der schafi´itischen Schule kommt das Nâfila-Gebet nach dem Tasbîh, bei den Hanafiten ist es umgekehrt. Bete ich als Schafi´it in einer hanafitischen Moschee und ziehe den Tasbih vor, während die Hanafiten Nafila beten, und bete Nafila, während sie mit Tasbih beschäftigt sind, dann stört das einfach, und das sollte man vermeiden. Der Imam in unserer Moschee, der Sohn des bekannten syrischen Gelehrten Dr. Sa´id Hawwa, sagt von sich selbst, er sei Hanafit (sein Fachgebiet ist hanafitischer Fiqh) und leitet die Leute im Gebet nach der schafi´itischen Schule, weil sie die hier in Jordanien am meisten verbreitete ist.

"Zurück zu den Ursprüngen", aber so einfach ist das eben nicht, da, wenn man lediglich Qur'an und Sunna heranzieht, sehr viele Fragen offenbleiben, weil dazu nichts vom Propheten - Allah segne ihn und gebe ihm Heil - überliefert ist. Eben deshalb haben die Gelehrten der Madhahib auf andere Grundlagen zurückgegriffen, wie Konsens, Analogieschluß u.ä. Bei vielen, wenn nicht den meisten Meinungsverschiedenheiten der Gelehrten beruhen diese nicht darauf, ob ein bestimmtes Hadith stark oder schwach ist, sondern darauf, was aus seiner Aussage zu verstehen ist.

Es gibt auch Hadithe, die ein bestimmtes Handeln des Propheten - Allah segne ihn und gebe ihm Heil - ganz unterschiedlich beschreiben. Hat er im Gebet z.B. die Hände auf der Brust übereinandergelegt gehalten oder an der Seite herunterhängen lassen. Beides ist von ihm überliefert. Wann hat er sie dann mal so und mal anders gehalten? Wenn man hier jeder Detailfrage genau nachgehen wollte, um in dem, was frühere Gelehrte bereits untersucht haben, wieder ganz von neuem Idschtihad zu betreiben, würde ein Menschenleben gar nicht ausreichen. Wohl aber sollte man die Madhahib von unnötigem Balast berfreien, wie von solchen Erschwernis bereitenden Regeln, die weder auf Qur'an noch Sunna fußen.

So beten die (strengen) Hanafiten zu jedem Freitagsgebet mit Nafila auch noch das normale Mittagsgebet mit allen Nafila-Rak´as, weil es in ihrem Madhhab heißt, daß das Freitagsgebet vielleicht nicht gültig sein "könnte", wenn kein Imam, also kein Oberhaupt eines wirklich islamischen Staates da ist. Für diese Regelung gibt es keinerlei Hinweis im Qur'an und der Sunna, und die Leute erlegen sich damit etwas auf, was Allah ihnen überhaupt nicht auferlegt hat. Ich meine, daß man in dieser Frage keinen Zweifel zu Grunde legen darf: entweder ist das Freitagsgebet gültig, und man verrichtet nur es, oder es nicht nicht gültig, und man verrichtet anstatt seiner nur das normale Mittagsgebet. Aber solch ein "vielleicht" und "könnte sein oder auch nicht" kommt vom Schaitan.

Andererseits muß man auch vorsichtig sein, ob solch eine Regel, die (offensichtlich) keine Grundlage im Qur'an und der Sunna hat, nicht doch berechtigt ist. Aber wie soll der durchschnittliche Muslim das entscheiden? Also muß er sich doch wieder der Meinung eines ihm vertrauenswürdigen Gelehrten anschließen. Aber wer ist vertrauenswürdig? Alle machen sie Fehler, weil das zur Natur des Menschen gehört, einige weniger, andere mehr, einige leichtere, andere schwerwiegendere.

Man kann die Feststellung machen, daß der (nicht wirkliche) Salafismus darauf ausgelegt ist, die gottesdienstlichen Handlungen (´ibâdât) auf ein Mindestmaß zu reduzieren, weil alles, was darüber hinaus geht, als „Bid´a“ diffamiert wird. Wer jedoch die Sunna genau studiert, wird feststellen, daß Allahs Gesandter – Allah segne ihn und gebe ihm Heil – gar nicht so engstirnig und hartherzig war, wie die angeblichen (nicht echten) Salafis (mutasallifûn) ihn sehen möchten. Wenn jemand in seinem Bittgebet (du´â’) ein paar Worte gegenüber dem von ihm – Allah segne ihn und gebe ihm Heil – vorgegebenen Wortlaut hinzufügte oder veränderte, mißbilligte er dies nicht gleich als „Bid´a“, sondern hieß es gut und freute sich darüber, wenn seine Gefährten nicht alles blind nachmachten oder nachplapperten, sondern auch Eigeninitiative entwickelten, die in dem (weiten) Rahmen seiner Sunna lag! Als Studenten der Islamischen Universität waren wir (dummerweise) stolz darauf, in der Propheten-Moschee vor dem Freitagsgebet keine zwei „Sunna“-Rak´as zu beten wie die anderen Muslime, sondern stattdessen demonstrativ sitzenzubleiben und auf die Leute herumzublicken. Heute bereue ich es, diese Gelegenheiten für zusätzliche ´Ibâdât nutzlos verstreichen haben zu lassen. Auch wenn es keine explizite Sunna sein mag, zwei Rak´as beim Warten auf den zweiten Adhân zum Freitagsgebet zu verrichten, weil das nicht so vom Propheten – Allah segne ihn und gebe ihm Heil – überliefert ist, so ist es doch besser und damit auch im allgemeinen Rahmen der prophetischen Sunna, die Wartezeit mit irgendeiner Art von ´Ibâda auszufüllen, anstatt seiner Nafs mit dummen Gedanken oder Herumschweifenlassen der Blicke freien Lauf zu lassen.

Ein weiterer Aspekt ist derjenige, daß andere einen zuerst danach beurteilen, wie man sich ihnen gegenüber benimmt und wie man sie behandelt (adab). Dagegen lautet das Schlagwort der Salafis: „Die Glaubenslehre zuerst – al-´aqîda auwalâ“; man kann aber niemanden für den Islam und keinen Muslim für seine Glaubensrichtung gewinnen, wenn man sich ihm gegenüber falsch verhält und ihn schroff und hart behandelt und andere Muslime schmäht, nur weil sie nicht seiner eigenen Richtung angehören. Da nützt es einem gar nichts, wenn man (vermeintlich) die richtige Glaubenslehre hat! Eben, weil die meisten Sûfî-Scheichs auf diesen Adab und den liebenswürdigen und herzlichen Umgang mit am Islam Interessierten großen Wert legen und von den neuen Muslimen nichts verlangen, was für sie am Anfang eine zu große Belastung sein und sie vom Islam zurückschrecken lassen könnte, haben sie solch großen Zulauf, auch wenn nicht wenige von ihnen Scharlatane sind und ihren Schülern die gröbste Bid´a als Sunnah des Propheten – Allah segne ihn und gebe ihm Heil – verkaufen.

Ich bitte, meine gutgemeinte Kritik nicht falsch zu verstehen, und die Salafi-Bewegung hat auch ihre positiven Seiten, wie sie vor allem nachdrücklich zu der unter vielen Gelehrten vernachlässigten Überprüfung der Authenzität von Hadîthen angespornt hat: „Wir leben heute im Zeitalter der Salafis, und daher muß jedes Hadîth nachgewiesen werden“. Andererseits darf auch die spirituelle Dimension des Islams nicht vernachlässigt werden, und man sollte deren Äußerungen nicht leichtfertig als „Bid´a“ abtun – überhaupt ist dieser Begriff von den Mutasallifîn falsch definiert worden –, solange sie nicht den weit gespannten Rahmen der prophetischen Sunnah überschreiten.

Der "Wahhabismus" ist nicht nur ein Rasenmäher, sondern ein Elephant im Porzenlanladen, der u.a. beschuldigt wird, Terrorismus zu produzieren, und zumindest die Herzen verhärtet. Ein indischer Professor erzählte mir, daß sie bei ihnen in Indien unter dem Druck des Wahhabismus darauf verzichteten, sich nach dem ´Id-Gebet gegenseitig zu beglückwünschen, die Hände zu geben und zu umarmen. Beim folgenden ´Id kehrten sie wieder zu dieser Gewohnheit zurück, weil sie fanden, daß das so doch besser wäre. "Die Geister, die ich rief ..." Anstatt den schafi´itschen Madhhab ganz aufzugeben, sollte er etwas entschlackt und von unnötigen Balaststoffen befreit werden. Anstatt einen Mercedes gegen ein Go-Kart einzutauschen, sollte man besser die schadhaften Teile durch neue vom selben Hersteller ersetzen. Vielleicht können Leute, wie Sidi Amdjad, Scheich Nuhs Schüler, einmal große Fiqh-Gelehrte in ihrem jeweiligen Madhhab werden und ihn reformieren, anstatt ihn niederzutrampeln.

Zurück zu den Ursprüngen: aber so einfach ist das nicht immer. Der Prophet - Allah segne ihn und gebe ihm Heil - betete ursprünglich im Ramadan allein in der Moschee in der Nacht zusätzliche freiwillige Gebet. In der ersten Nacht kamen einige wenige Leute und schlossen sich ihm an. Diese erzählten wiederum anderen davon, und in der zweiten Nacht waren es schon mehr, und in der dritten Nacht war die Moschee voll. Da wandte sich Allahs Gesandter - Allah segne ihn und gebe ihm Heil - nach dem Gebet den Leuten zu und sagte: "Ich habe sehr wohl eure Anwesenheit bemerkt, aber ich wollte euch nicht etwas auferlegen, was ihr nicht zu tragen vermögt." Dann betete er diese Tarâwîh-Gebet einmal zuhause, ein anderes Mal in der Moschee, um den Leuten damit deutlich zu machen, daß deren Verrichtung nicht Pflicht ist. Der Kalif ´Umar richtete es später so ein, daß die ersten acht Rak´as in Gemeinschaft in der Moschee gebetet wurden, anstatt daß jeder sie für sich allein zuhause betete. Zu welchem ursprünglichen Handeln wollen wir da zurückkehren? Sollen die Leute diese Gebete einmal in der Moschee und ein anderes Mal zuhause verrichten oder nur zuhause? Nach der heute vorherrschenden religiösen Trägheit und Nachlässigkeit würde letzteres wahrscheinlich dazu führen, daß die meisten dann die Tarâwîh überhaupt nicht mehr beten. Hältt man das für richtig, nur um zum ursprünglichen Handeln des Propheten zurückzukehren? Ich glaube nicht, daß Allahs Gesandter - Allah segne ihn und gebe ihm Heil - das gewollt hätte!


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