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Rubrik: Politik
Autor: Abdullah

Fortschritt mit den Fortschrittlichen

Ein Vortrag von Scheich Yasir Qadhi
Übersetzt von Abdullah Bubenheim

Dieser Vortrag fängt mit einer Definition der Progressiven und dann einer fiktiven Geschichte an, um dabei zu helfen, den Rest des Gesprächs zu erklären.

Die Fortschrittlichen: Muslime, die das Gefühl haben, der Islam müsse sich von Zeit zu Zeit wandeln und eine radikale Neuinterpretation erfahren.

Diese Bewegung wird in Nordamerika, insbesondere in Kanada, immer stärker und ist dort mehr vertreten als irgendwo sonst auf der Welt.

Um dies zu erläutern, wollen wir mit einer Geschichte anfangen:

Stellen wir uns ein weit entferntes Land namens die Vereinigten Staaten von Veganopolis vor, wo die Leute Vegetarier sind. Sie essen weder Fleisch noch Fleischprodukte, weil sie empfinden und sich dessen völlig sicher sind, daß dies grausam, primitiv und unzivilisiert sei. Sie betrachten sich mit Stolz als über der übrigen Gesellschaft stehend, da sie kein Fleisch essen, und als so weit fortgeschritten, daß sie die gesamte Welt auf der Grundlage eingeteilt haben, welche Überzeugung die Leute hinsichtlich des Fleischgenusses haben. Diejenigen Länder, die mit ihnen übereinstimmen, sind die sogenannte "Erste Welt", während diejenigen, die ihre Ansicht ablehnen, die "Dritte Welt" sind, und diejenigen in der Mitte die "Zweite Welt" genannt werden.

Stellen wir uns weiterhin drei Brüder vor, Salman, Khalid und Ali. Sie stammen aus der Dritten Welt, sind aber in Veganopolis aufgewachsen, und ihre Eltern waren Muslime, die ihren Kindern die Religion jedoch nicht richtig und vollständig beigebracht haben. So sind die Kinder dem Namen nach Muslime, die jedoch ihre Religion nicht wirklich verstanden haben. Nachdem sie erwachsen waren, starben ihre Eltern, und so haben sie zum ersten Mal in ihrem Leben angefangen, kritisch über diese Dinge nachzudenken. Sie haben ein spirituelles Erwachen durchgemacht und sich dazu entschlossen, die Religion zu studieren und ihre Erkenntnisse zu erörtern.

Sie haben den Qur'ân, Hadîth, Fiqh und Glaubenslehre studiert und sich nach sechs Monaten wieder getroffen und erörtert, was sie herausgefunden haben. Salman, der Älteste von ihnen, sagte: "Unsere Eltern waren großartig und haben uns geliebt, aber trotz aller Achtung für sie und ihren Glauben bin ich zu dem Schluß gekommen, daß der Islam eine falsche Religion ist und ich nicht länger Muslim sein kann." Er sagte, er wisse, daß seine Eltern bisweilen Fleisch gegessen hatten, und auch sie selbst, in der Meinung, daß dies eine Gewohnheit in ihrer Heimat in der Dritten Welt sei. Nach der Lektüre islamischer Texte jedoch habe er festgestellt, daß der Islam ganz unverhüllt den Fleischgenuß erlaubt und ihn im Qur'ân einen Segen nennt. In Sahîh al-Bukhârî steht, daß eines der Lieblingsgerichte des Propheten - Allah segne ihn und gebe ihm Heil - eine saftige Lammkeule war, und daß er Fleisch aß, sooft es ihm angeboten wurde. Man schlachtete Tiere zu den Festen und anläßlich der Geburt eines Kindes. Nach den Büchern des Fiqh ist es in einigen Schulen, wie der hanbalitischen und schâfi´itischen erlaubt, sogar das Fleisch von Füchsen und Hyänen zu verzehren. Die meisten Gelehrten des Hadîth halten es für erlaubt, Wüsteneidechsen zu essen. Nach der mâlikitischen Schule ist es keine Sünde, Katzen, Hunde, Skorpione und Schlangen zu verzehren. Einige Gelehrte erlauben sogar den Genuß von Ungeziefer und anderen Insekten. [Scheich Yasir merkt an, daß dies tatsächlich stimmt.] Salman sagt, er könne daher nicht an ein Buch glauben, das solch rückschrittliche und barbarische Handlungsweisen erlaubt, und es sei deshalb seine Pflicht, die Muslime davon zu überzeugen, daß diese Religion nicht richtig sein könne, und daß sie ein zeitgemäßes Leben zu führen hätten. Der Fleischgenuß sei unzivilisiert und barbarisch.

Hierauf ergriff Khalid das Wort. Er sagte, er habe ebenfalls die Texte studiert und den Qur'ân gelesen, was ihn dazu geführt habe, seine Zugehörigkeit zum Islam nochmals zu versichern. Er sei immer noch Muslim und stolz darauf, doch gestehe er zu, daß viele der von Salman vertretenen Ansichten vom historischen Gesichtspunkt aus richtig sein könnten, doch insgesamt falsch seien und der gründlichen Untersuchung ermangelten. Der Qur'ân ist von Gott, aber zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort geoffenbart, weswegen das Verständnis früherer Gelehrter heutzutage nicht extrapoliert werden kann. Der Qur'ân war zu einem rückschrittlichen Volk geschickt, das darin verwickelt war, Fleisch zu essen. Da der Islam diese Gewohnheit nicht völlig ausmerzen konnte, weil dies zu radikal gewesen wäre, verfeinerte er sie für die Leute jener Zeit . Da wir jetzt ein höheres Niveau entwickelt haben, muß den Versen ein frisches Aussehen gegeben werden. Die Hadîthe wurden in der Zeit nach dem Ableben des Propheten - Allah segne ihn und gebe ihm Heil - gesammelt, weswegen wir nicht einmal wissen, ob sie authentisch sind, und der Prophet - Allah segne ihn und gebe ihm Heil - selbst war nur ein Mensch und kein göttliches Wesen. Sogar nach der von Salman zitierte Hadîth-Sammlung von Bukhârî wurde im Hause des Propheten - Allah segne ihn und gebe ihm Heil - drei Monate lang kein Feuer angezündet, und dieser aß während dieser Zeit kein Fleisch, was bedeutet, daß er während ihrer eine vegetarische Diät einhielt . Es gibt auch ein Hadîth, aus dem hervorgeht, daß er jemanden dafür zurechtwies, daß dieser ein Tier mißhandelt hatte. Ist es möglich, daß eine solche Person, der Prophet der Barmherzigkeit, für jeden anordnen könnte, zum ´Îd ein Tier zu schlachten? War er so blutrünstig? Jene Gelehrten hatten verrückte Ansichten, aber sie waren eben nur Gelehrte. Nach der hanafitischen Schule bspw. ist an Tieren aus dem Meer nur der Genuß von bestimmten Fischen erlaubt, womit wir Parallelfälle von früheren Gelehrten haben. Wir müssen den Geist des Gesetzes in Betracht ziehen und nicht dessen Wortlaut. Der Islam ist mit der Absicht gekommen, den Fleischgenuß auszumerzen, obwohl er dies zu Anfang nicht getan hat. So bin ich Muslim, ohne zu glauben, daß der Islam den Verzehr von Fleisch erlaubt.

Dann ergriff Ali, der Jüngste der drei und der Nachdenklichste von ihnen das Wort. Er sagte zu seinen älteren Brüdern, daß sie beide immer noch nach demselben Muster und denselben Grundsätzen und Grundlagen vorgingen, obwohl das Ergebnis ihrer Untersuchungen in einander gegensätzlichen Meinungen bestehe, was beide dazu geführt habe, sich zu irren. Ihre Voraussetzung bestehe darin, das als richtig anzunehmen, was ihre Kultur ihnen vorgegeben hat, nämlich daß der Verzehr von Tieren etwas Barbarisches ist. Durch die vorbehaltlose Übernahme dieser Voraussetzung ist einer von ihnen dazu veranlaßt worden, seinen Glauben aufzugeben, und der andere, ihn auf beispiellose Weise zu ändern. Hat sich denn niemand von ihnen daran gedacht, daß seine Zivilisation unter dieser Fragestellung falsch sein könnte? Macht die Tatsache, daß sie Vegetarier sind, sie zum Gipfel der Gesellschaft und alle anderen zu Barbaren? Die Gültigkeit einer Religion kann nicht anhand nebensächlicher Fragen, wie dem Fleischgenuß, entschieden werden. Die hauptsächlichen Ansprüche einer Religion auf Legitimität fußen auf ihren primären Lehren, wie derjenigen von Gott und dem Leben nach dem Tode. Wir betrachten die Theologie eines Glaubens, die Vorstellung von Gott und dem Dienst an Ihm, um dann über seine Gültigkeit zu entscheiden. Ist er erst einmal für gültig befunden, nimmt man ihn als eine vollständige und ganze Packung an. Betrachten wir jede einzelne Regelung im Licht unserer persönlichen Sichtweisen, dann fügen wir uns nicht der Religion, sondern lassen sie sich uns fügen. Wenden wir dieses Kriterium auf den Islam an, dann finden wir keine Religion so einfach und richtig wie den Islam, und keine andere Religion kommt ihm so nahe. Nachdem Ali zu dieser Schlußfolgerung gekommen war, sagte er, er habe erkannt, daß er sich den Regelungen zu fügen habe, die mit dieser Theologie gekommen sind.

"Deshalb", fuhr Ali fort, "stimme ich mit Salman darin überein, daß der Fleischgenuß im Islam als Segen bezeichnet wird. Diese Vergegenwärtigung hat mich dazu veranlaßt, die Prämisse anzuzweifeln, auf Grund derer unsere Gesellschaft ihren Ruhm beansprucht. Zum erstenmal in meinem Leben mußte ich sie mir betrachten und wegen der Aussagen von Qur'ân und Sunna in Frage stellen. Wie beurteilen wir, was sittlich und was unsittlich ist? Einige Dinge, wie jemandem das Leben zu nehmen, können wir durch unsere natürliche Veranlagung ( fitra ) wissen, auf der jedoch nicht alles begründet werden kann. So kann ich nicht meine persönliche Meinung dazu gebrauchen, um nachzuweisen, daß der Genuß von Fleisch unsittlich ist. Es ist unmöglich, unkategorisch zu behaupten, der Verzehr von Fleisch sei unsittlich; dafür gibt es keinen Beweis. Ferner hat die Menschheit mehrheitlich Fleisch gegessen und ist deshalb nicht weniger glücklich gewesen als wir. Tatsächlich sind unsere Verwandten in der Dritten Welt glücklicher und essen Fleisch.

Wir behaupten, den Gipfel der Zivilisation erreicht zu haben und blicken auf die anderen auf Grund dieser Streitfrage herunter, ignorieren jedoch eine Menge anderer Dinge. Wir nehmen nicht zur Kenntnis, daß unsere Gesellschaft die gewalttätigste von allen anderen ist, die kunterbunteste, die am meisten von Verbrechen und Drogen heimgesuchteste und diejenige mit dem höchsten prozentualen Bevölkerungsanteil von Strafgefangenen. Wie können wir all das ignorieren und behaupten, wir seien die besten Menschen, weil wir eine vegetarische Gesellschaft sind? Wie können wir moralische und spirituelle Überlegenheit beanspruchen, wenn unser Leben schlechter und minderwertiger ist als dasjenige in Ländern der Dritten Welt? Es ist nicht lediglich die Quantität, sondern die Abscheulichkeit und Ungeheuerlichkeit. Letzte Woche steckte eine Frau ihr Baby in die Mikrowelle und kochte es zu Tode; manche Eltern töten ihre Kinder und umgekehrt, aber ihr hört nicht davon, daß solche Verbrechen in anderen Ländern geschehen. Es sind nicht lediglich die Quantität, sondern die Ungeheuerlichkeit und die Weise, wie aufdringlich es in den Nachrichten bekannt gemacht wird. Wie kann dies ignoriert werden, und wie können wir sagen, dadurch daß wir kein Fleisch essen, seien wir der Gipfel der Zivilisation?"

Ali sagte, er sei zu dem Schluß gekommen, daß er unrecht gehabt habe. Die moralischen und ethischen Ansichten in den Vereinigten Staaten von Veganopolis sind nicht diejenigen, die in sich und aus sich selbst heraus göttlichen Ursprungs sind. Diese Prämisse war es, die seine Brüder dazu veranlaßt haben, Fehler zu machen. Sie mögen auf einander gegenüberliegenden Seiten des Zaunes stehen, doch sind sie nicht wirklich so fern von einander entfernt. Auf eine seltsame Tatsache muß hingewiesen werden: Salman ist nicht länger Muslim, und die meisten würden darüber entsetzt sein, doch logisch gesprochen ergeben seine Argumente mehr Sinn als diejenigen Khalids. Khalid behauptet, gläubig zu sein, bringt jedoch Meinungen vor, für die es keinerlei Präzendenzfalls gibt. Wie kann er gläubig sein und jede zweite Aussage in Qur'ân und Sunna zurückweisen? Seine Behauptungen sind viel unlogischer und schwerer zu verteidigen. Ali sagte: "Ich bin Muslim und füge mich den Gesetzen des Islams und lasse nicht die Gesetze des Islams sich mir fügen."

In unserer Zeit ist es nicht wirklich die Streitfrage des Fleischgenusses, sondern diejenige der Freiheit zu wählen, der Strafen, der Rolle der Frauen, der Sittlichkeit. Salman vertritt jene Leute, die sagen, der Islam könne nicht göttlichen Ursprungs sein, da er von den Frauen verlangt, sich zu bedecken oder dem Dieb die Hand abzuhauen. Sie sagen offen heraus, der Islam sei rückschrittlich, haben sich ihr Urteil jedoch auf Grund untergeordneter Streitfragen gebildet.

Khalid vertritt die Fortschrittlichen, die die Werte ihres jeweiligen Landes nehmen und sagen, dies sei das Muster des Islams - "ein Islam mit vegetarischer Sittlichkeit." Grundsätzlich sagen sie, Allah habe nur so und so handeln können, und jetzt komme ich, Khalid, und kann den Islam heranführen, um ihn den Vereinigten Staaten von Veganopolis gleichwertig zu machen. Vierzehnhundert Jahre lang hat es jeder falsch gemacht, bis ich, der Fortschrittliche gekommen bin. Das ist wirklich die Schlußfolgerung, zu der die Fortschrittlichen kommen müssen.

Ali gehört in unserer Zeit zu einer seltenen Art von Menschen, indem er in einem tiefgehenden Verständnis des Islams die historische Wirklichkeit mit den ethischen Dimensionen von Veganopolis verbindet.

Zwei Beispiele aus der Zeit des Propheten - Allah segne ihn und gebe ihm Heil - mögen dies verdeutlichen:

Das erste ist die Streitfrage um das Erbe der Frauen. Ibn ´Abbâs berichtet (bei Tabarî), daß als die verschiedenen Anteile festgelegt wurden, dies einigen Leuten mißfiel. Sie sagten, sie gäben den Frauen ein Viertel und ein Achtel, der Tochter die Hälfte und dem männlichen Säugling ein Erbe, während niemand von diesen zu den Personen gehört, die gegen die Feinde kämpfen oder Kriegsbeute machen. Dies ginge gegen ihr Empfindungsvermögen. Es sei so rückschrittlich, Personen einen Erbanteil zu geben, die nicht im Krieg kämpfen. In der Zeit der Unwissenheit vor dem Islam (Dschâhiliyya) war dies die Grundlage, auf der ein Erbe gewährt wurde. Da sagten die Prophetengefährten, sie würden dazu schweigen, und der Prophet - Allah segne ihn und gebe ihm Heil - würde die Sache vergessen, oder jemand könnte mit ihm darüber reden und es möglicherweise ändern. Man beachte, daß dies keine Streitfrage des Glaubens und des islamischen Rechts ist. Jemand begab sich zum Propheten - Allah segne ihn und gebe ihm Heil - und sagte: "Sollen wir einem kleinen Mädchen die Hälfte dessen geben, was ihr Vater ihr hinterläßt, wenn sie nicht einmal ein Pferd reiten kann? Sollen wir einem Säugling die Hälfte geben, wenn es für uns eine Last ist und wir es ernähren, es jedoch nicht uns ernährt?" Daher wurden zahlreiche Âyas geoffenbart, die einleitenden Verse der Sûra 4, an-Nisâ'. Zu deren Schluß sagt Allah: "Eure Väter und eure Söhne - ihr wißt nicht, wer von ihnen euch an Nutzen näher steht." Ihr wißt es nicht. "Gewiß, Allah ist Allwissend und Allweise" [Sûra 4 an-Nisâ' 11]. Wenn sowohl dein Vater als auch dein Sohn noch am Leben sind, wie würdest du dann das Erbe möglicherweise teilen? Allah sagt, daß du es nicht weißt, Er es jedoch weiß.

Dies war keine Streitfrage der Glaubenslehre oder des islamischen Rechts, sondern eine der Moral und Ethik. Allah, der Erhabene, überzeugte die Leute dann durch diese Verse. Er ist der Allwissende und Derjenige, Der sich am meisten um sie kümmert.

Der zweite Punkt ist derjenige der Klassenzugehörigkeit und der Abstammung. Die Erbschaftsfrage stiftete bei einigen der Prophetengefährten Verwirrung, aber es gab da eine Frage, von der selbst der Prophet - Allah segne ihn und gebe ihm Heil - beinahe beeinflußt worden wäre, da er dachte, es wäre nützlich, der Gemeinschaft zuzustimmen. Es war die größte einzelne gesellschaftliche Änderung, die der Islam brachte. In der Dschâhiliyya war alles entsprechend der Abstammung und der Stammeszugehörigkeit entschieden worden, und der Klassenstatus war auf demjenigen des Vaters begründet. Dann kam der Islam und ändert dies alles.

Einmal saß der Prophet - Allah segne ihn und gebe ihm Heil - mit einigen seiner Gefährten, wie ´Abdullâh ibn Mas´ûd, Bilâl, ´Ammâr ibn Yâsir und ihresgleichen zusammen. Nach den Maßstäben der Dschâhiliyya gehörten all jene Leute der unteren Klasse an, und einige der Führer der Quraisch kamen, machten sich über diese Leute lustig und sagten, sie wären möglicherweise bereit, gegenüber der neuen Religion Wohlwollen zu zeigen. Gewissermaßen stellten sie ein Ultimatum an den Propheten - Allah segne ihn und gebe ihm Heil -, sich von diesen Leuten zu trennen. Zahlreiche Qur'ân-Verse wurden hierzu geoffenbart, darunter der folgende: "Und weise nicht diejenigen ab, die morgens und abends ihren Herrn anrufen im Begehren nach Sei­nem Angesicht! Dir obliegt in keiner Weise, sie zur Rechenschaft zu ziehen, und ihnen obliegt in keiner Weise, dich zur Rechenschaft zu ziehen. Wenn du sie abwiesest, dann würdest du zu den Un­gerechten gehören" [Sûra 6 al-An´âm 52]. Es war selbst eine Sünde, hinsichtlich der Sozialstruktur Kompromisse zu schließen. Dies hatte nichts mit der Glaubenslehre zu tun, sondern war lediglich eine gesellschaftliche Frage, doch sagt Allah: "Euch eure Religion und mir meine Religion" [Sûra 109 al-Kâfirûn 6].

Die Gefühlsmäßigkeit der Leute wird durch solche zweitrangigen Streitfragen herausgefordert, doch müssen wir an Allah glauben. Es ist nicht unsere Aufgabe, jene Fragen zu verteidigen, und wir argumentieren für unsere Religion nicht auf der Grundlage der Frauenrechte. Niemand wird den Islam annehmen nur deshalb, wenn wir beweisen, daß nur Männer gemischte Versammlungen beider Geschlechter leiten können.

Die Fortschrittlichen unserer heutigen Zeit behaupten, die moderne Version der Mu´taziliten zu sein, der ersten Gruppe, die Qur'ân und Sunna auf der Grundlage von Logik herausforderten, wobei sie sich selbstverständlich der aristotelischen Philosophie bedienten. Sie betrachteten den Qur'ân und die Sunna aus dieser Perspektive und entsprachen grundsätzlich dem Khalid unserer obigen Geschichte. Dennoch waren die Mu´taziliten trotz ihrer Häresien sehr viel besser als die Fortschrittlichen, da sie selbst noch eine gewisse Religiosität besaßen. Sie beteten, fasteten, vermieden die schweren Sünden, während die modernen Fortschrittlichen hingegen überhaupt nichts praktizieren. Niemals wirst du einen von ihnen aufstehen sehen und hören, wie er darüber spricht, Allah näher zu kommen, sich das Paradies zu verdienen oder die vorgeschriebenen Gebete zu ihrer Zeit zu verrichten. Sie erörtern auch nicht Fragen des Herzens und der Seele und haben keine Neigung, Allah näherzukommen. Die Progressive Muslim Union (PMU) hatte eine größere Krise und spaltete sich auf, weil es keine einheitliche Methodik dazu gab, was Fortschrittlichkeit ist. Einer von ihnen kritisierte die anderen auf verletzende Weise und erwähnte, daß andere Fortschrittliche auf ihn herabblickten, weil er keinen Alkohol trank.

Die Mu´taziliten waren zumindest an den religiösen Wissenschaften interessiert und bemühten sich um Wissen und dessen Studium, während die Fortschrittlichen sich ganz einfach nicht um Qur'ân und Sunna kümmern. Sie haben nicht in islamischen Akademien studiert, und diejenigen, die irgendetwas über den Islam gelernt haben, können an den Fingern einer Hand abgezählt werden.

Die Streitfragen, mit denen sich die Mu´taziliten beschäftigten, waren immerhin noch ernsthafte Fragen, wie die Vorherbestimmung ( qadr ), Allahs Namen und Attribute usw., während sich die Fortschrittlichen mit der Größe des Kopftuches von Frauen, Geschlechterrollen und Dingen beschäftigen, die nicht die grundsätzlichen Fragen der Religion darstellen. Somit sind die modernen Fortschrittlichen weit schlimmer als die Mu´taziliten.

Die Psychologie der beiden Gruppen ist noch immer dieselbe, indem sie ihre Geringschätzung vereint, mit der sie die Texte, insbesondere das Hadîth, entschieden mißachten und zurückweisen. Ihre Psychologie, sich an die Texte heranzumachen, ist die gleiche. So sagte zum Beispiel (der Mu´tazilit) ´Amr ibn ´Ubaid, wenn die Sûra Al-Lahab auf der wohlverwahrten Tafel ( al-Lauh al-Mahfûzh ) niedergeschrieben sei, dann habe Allah keine Entschuldigung dafür, jeden von uns zu strafen [was eine Zurückweisung der Qadariyya ist]. Hinsichtlich des Hadîthes über den Engel, der die Vorbestimmung niederschreibt, während sich der Embryo im Mutterleib befindet (ein authentisches Hadîth), sagte er: "Hätte ich dieses Hadîth von A´masch gehört, würde ich ihn der Lüge bezichtigen; hätte ich es von seinem Scheich Zaid ibn Wahb gehört, würde ich sagen, er sei mißverstanden worden, da dies unmöglich ist; hätte ich es von ´Abdullâh ibn Mas´ûd gehört, würde ich sagen, der Prophet - Allah segne ihn und gebe ihm Heil - kann es nicht gesagt haben; hätte ich es vom Propheten - Allah segne ihn und gebe ihm Heil - gehört, würde ich es zurückweisen; und hätte ich es von Allah gehört, würde ich sagen: ,Du hast uns nicht hierfür erschaffen.' " Man sehe sich diese Arroganz an! Mit den Fortschrittlichen ist es dasselbe, da sie sich nicht darum kümmern, was der Qur'ân sagt, sondern ihre eigenen Ansichten haben und diese in den Islam hineininterpretieren wollen.

Der fortschrittliche Islam versucht, den Islam mit den modernen Werten der Menschenrechte und der Freiheit in Einklang zu bringen, wozu sie darüber vorgefaßte Meinungen haben. Sie betrachten den Qur'ân und die Sunna und versuchen, ihre Ansichten darin bestätigt zu finden, weswegen sie dazu genötigt sind, die Texte, nämlich das Hadîth, gänzlich ablehnen oder versuchen, sie neu zu interpretieren. Ein Beispiel hierfür sind die Paradiesjungfrauen ( al-Hûr al-´În ), bezüglich derer sie in einem Artikel behaupten, dieser Ausdruck sei 1400 Jahre lang falsch verstanden worden und bedeute in Wirklichkeit "saftige weiße Weintrauben", wobei es sich tatsächlich um eine Art von Früchten handele. Scheich Yasir sagt hierzu: "Behaltet eure Trauben und laßt mir die Paradiesjungfrauen."

Die Erscheinung des fortschrittlichen Islams ist nicht neu, und zahlreiche Gruppen zuvor haben bereits behauptet, der Islam sei mit irgendetwas nicht vereinbar. Allerdings ist es das erstemal, daß Streitfragen bezüglich der Rechte der Frauen und ähnliches im Zusammenhang mit dem Islam betrachtet werden.

Am Ende bleibt es dasselbe Problem, nämlich daß man glaubt, seine Meinung sei die richtige und stünde über dem Qur'ân. Es ist witzlos, über Streitfragen zu debattieren, wie diejenige, ob Frauen das Gemeinschaftsgebet mit Männern leiten sollen; vielmehr müssen wir zu den grundsätzlichen Fragen zurückkehren. Ein Muslim ist jemand, der sich dem Willen Allahs fügt. Wir glauben nicht, daß Frauen das Freitagsgebet leiten können, und daß wir einen Weg finden sollen, dies zu rechtfertigen. Der fortschrittliche Islam ist nicht neu oder fortschrittlich; vielmehr ist es seit Anbeginn der Zeit so, und Iblîs (Satan) ist das erste Beispiel hierfür. Sie haben dieselbe Methodik: "Meine Meinung ist die einzig richtige."

"O die ihr glaubt, tretet allesamt in den Islam ( die Unterwerfung unter Allahs Willen ) ein und folgt nicht den Fußstapfen des Satans! Er ist euch ja ein deutlicher Feind" [Qur'ân, Sûra 2 al-Baqara 208].

Eines der bezüglich der Fragen und Antworten erwähnten Dinge war es, soviel wie möglich mit den Leuten insbesondere hinsichtlich auf die Moschee bezogenen Fragen zusammenzuarbeiten. Grundsätzlich sollte man seinen Schlachten sorgfältig auswählen und den Leuten soviel wie möglich zustimmen.

Um es noch einmal hervorzuheben: Da´wa sollte stets auf die grundsätzlichen Fragen und die Glaubenslehre ( ´aqîda ) ausgerichtet sein, und man sollte sich nicht in nebensächlichen Streitfragen festfahren. Ich glaube, daß dies dabei hilft, eine Menge Konflikte beizulegen, und viel produktiver ist.


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