Default Mode Network - wie unser Hirn ein falsches Ich erschafft.

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Dieser Artikel ist Teil der neuen Serie

Kontrollierte Halluzination

Default Mode Network

Das, was einer materiellen Entsprechung eines Ich oder unseres autobiografischen Selbst am nächsten kommt, ist im Gehirn das sogenannte Default Mode Network (DMN). Es ist so was wie unsere Normaleinstellung im Gehirn. Es filtert und kontrolliert, was auf uns zukommt; sowohl von innen, also Erinnerungen und Gefühle, als auch von außen über die Sinne. Wie ein Behördenleiter bestimmt es, was reindarf, und auch, wer im Hirn eigentlich mit wem reden darf. Damit nicht alle durcheinander sprechen im Kopf, verhindert es vor allem zu viel Kommunikation. Die meisten Hirnregionen dürfen nicht direkt miteinander sprechen. Wenn sich der visuelle Bereich mit dem akustischen direkt austauschte, käme es zum Beispiel zu Synästhesie. Das heißt, wir hören dann Visuelles oder sehen Musik, wie man das auf psychodelischen Drogen erfahren kann. Kurz: Das Default Mode Network versetzt uns in die Lage, zu fokussieren und einen Großteil unserer Wahrnehmungen, Erinnerungen und Empfindungen auszublenden. Außerdem befähigt es uns, mit anderen Menschen effektiver zu kommunizieren, weil sich in einer Gesellschaft die Individuen auf eine bestimmte Norm einigen, die ihnen sagt, auf welcher Basis und welchen Realitätsverständnisses man miteinander umgeht.

Erst bei Erwachsenen ist dieses Default Mode Network vollends ausgebildet, Kinder haben hingegen noch ein sogenanntes Laternenbewusstsein, wo alles noch gleichmäßig beleuchtet wird. Das Hirn des Erwachsenen im Normalzustand hingegen ist eine Prognosemaschine. Es versucht, Informationen, die von außen kommen, sofort in bekannte Realitätsmodelle einzuordnen und gerade nur so viel Information aufzunehmen wie absolut nötig. Neurowissenschaftler nennen deswegen auch dieses normale Bewusstsein eine „kontrollierte Halluzination“.

Standardmodus ausschalten

Neurowissenschaftler Robin Carhart-Harris und seine Kollegen fanden unabsichtlich eine wichtige Funktion des DMN. Während sie Gehirnnetzwerke studierten, wurden sie neugierig, welche Veränderungen auftreten könnten, wenn Menschen unter der Wirkung von psychodelischen Drogen stehen. In Studien zur Analyse der Auswirkungen von Psilocybin auf die Gehirnwellenoszillation und den Blutfluss fanden sie heraus, dass ein alternatives Bewusstseinsnetzwerk aufzutreten schien, wenn das DMN inaktiv war.

Wenn einige Probanden Psilocybin testeten, berichteten sie über ein starkes Gefühl der Vernetzung sowie über spirituelle, magische und übernatürliche Gefühle. Im alternativen Modus erzeugte das Gehirn eine andere Welt, die andere Empfindungen und Erkenntnisse bot als im Alltag. In diesem Modus war das (falsche) Selbst nicht mehr der Protagonist der Erzählung.

Ego-Schalter

Nach der psychoanalytischen Theorie wird das Gefühl der persönlichen Identität als Ego bezeichnet. Es ist der Grenzgänger und der Torwächter, der Linien zieht und uns als Individuum von anderen trennt. Leider ist der Standardmodus des modernen Menschen wesentlich individualistischer und egozentrischer als die des prähistorischen Menschen, der sich noch mehr als Teil eines großen Organismus gesehen hat, sowohl des Stammes als auch der Natur. Erst „modernes Denken“ hat den Standardmodus extrem auf Abgrenzung gestellt.

Wie wir nun aus Versuchen mit Psylocibin und Erfahrungen spiritueller Menschen wissen, ist es möglich, den Standardmodus zu dimmen oder gar auszuschalten. Dabei werden die Verbindungen zwischen kortikalen Regionen geändert und neue Modi, neue Empfindungen und Gedanken aktiviert. Das Erleben dieses Zustandes kann zu bleibenden Veränderungen führen, auch wenn die Wirkung des Psilocybin nachlässt. Für jemanden, der schwer depressiv ist, kann eine Veränderung der Gehirnaktivität sie möglicherweise aus einer kognitiven Furche rütteln, wobei ihr Standardmodus negative Gedanken und Gefühle in einer schädigenden Schleife wiederholt, erklärt Carhart-Harris. Und bei jemandem, der psychisch gesund ist, kann die zusätzliche Perspektive, die ein Blick auf das alternative Bewusstsein bietet, auch das allgemeine Wohlbefinden verbessern.

Drei Studien mit Psilocybin bei 36 gesunden Freiwilligen zeigten, dass kurze, durch Drogen hervorgerufene mystische Erfahrungen, die Menschen im Laufe der Zeit veränderten und dazu führten, dass sie bessere Stimmungen, erhöhten Altruismus und Vergebung sowie mehr Nähe zu anderen erfuhren, und sechs Monate später ein Gefühl der Verbindung. Das Ego fing an sich aufzulösen, was durchgehend positive Erfahrungen mit sich brachte. Eine Epiphanie , die durch Psilocybin ausgelöst wird, kann neue Begeisterung, Neugier oder ein Gefühl des Staunens hervorrufen, das Verhaltensänderungen und neue Interessen auslösen kann, was z.B. Reisen, Kontemplation, Meditation, ein Interesse an Natur, Menschen oder anderen Kulturen anregt.

Allerdings, keine momentane Erfahrung ist in der Regel so magisch und tiefgründig, dass sie den Menschen dauerhaft verändern könnte. Das Ego aufzulösen geschieht nicht ein für alle Mal. Das DMN nimmt seine Aufgaben wieder auf, und es kann schwierig sein, mit alternativen Bewusstseinszuständen in Kontakt zu bleiben. Außerdem kann es gefährlich sein, das Bewusstsein radikal zu manipulieren, vor allem für Leute, die an psychischen Problemen leiden und es zur falschen Zeit und am falschen Ort nehmen. Man kann auch für Attacken von Dschinn empfänglicher werden. Und natürlich bestehen Zweifel, ob psychodelische Drogen wie Psylocibin, Peyote, LSD oder Ayahuasca islamisch legitim sind oder ob sie unter khamr (1) fallen, was die meisten Gelehrten wohl behaupten würden (ohne natürlich selber diese Drogen je ausprobiert zu haben).

Wenn das Einnehmen von psychodelischen Drogen ohne andere Formen von Spiritualität kombiniert wird, führt es gemeinhin zu keinen dauerhaften positiven Veränderungen. Ohne das starke metaphysische Fundament einer Offenbarungsreligion wird man normalerweise nicht weit kommen, während Islam auch gut ohne psychodelische Drogen, wissenschaftliche Erkenntnisse oder Vergleich zu anderen Religionen auskommt. Es kann aber durchaus hilfreich sein, mal den eigenen Standpunkt aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Auflösung der Grenzen

Spirituelle Erfahrung geht den entgegengesetzten Weg von analytisch-rationalem Denken und löst Begrenzungen auf. Mystiker gelangen zu einer Antwort, indem sie absolute Realität nicht hinterfragen (bila kaifa), sondern sich ihr hingeben (tawakal) und dabei die Begrenzung des Egos auflösen (fana, mahw). Mit der Überwindung der Begrenzung geht automatisch ein Gefühl der Vereinigung (jam‘) mit anderen und dem Leben an sich einher. Denn wir sind in Wahrheit keine Individuen, die in einsamen Körpern existieren. Wir sind ein fließendes Segment in der ununterbrochenen Linie des Lebens. Was Menschen traurig und feindselig macht, ist ein falsches Gefühl der Trennung voneinander und vom Rest der Welt.

Religion weist verschiedene Wege auf, um die Dominanz des Ego zu brechen und unter die Kontrolle „des Ganzen“ zu bringen, sodass sich der Mensch nicht als isoliertes Teilchen wahrnimmt, sondern als Teil der Ummah (Gemeinschaft der Gläubigen), als der Teil der Menschheit, als Teil der gesamten Schöpfung, und eine Verbindung zu Gott aufbaut. In der Tat bedeutet das Wort „Religion“ Rückbindung (vom Lateinischen re-ligere), und auch das Wort yoga hat die Grundbedeutung „Verbindung, Vereinigung“.

Gott suchen, bedeutet, Einheit und Verbindung suchen, während moderne Wissenschaft basierend auf rationalem analytischem Denken zu Abgrenzung und Absonderung führt, mit all den bekannten Resultaten einer zerstörten Welt und vereinsamten Individuen. In fast allen Religionen findet man daher Praktiken, nicht nur die falsche „Ich“-Perspektive zu ändern, sondern auch das polar-operierende Denken unter Kontrolle zu bringen, welche letztlich nur zwei Seiten der gleichen Münze sind.

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(1) Khamr ist ein arabisches Wort für Wein, und zwar Wein, der entweder aus Weintrauben oder Datteln gemacht ist. Wegen des Hadith „Jedes Rauschmittel ist Khamr, und jeder Khamr ist verboten“ sind die meisten Gelehrten der Meinung, dass alle Drogen generell verboten sind. Ibn Rushd al-Qurtubi erklärt allerdings in seiner Enzyklopädie der vergleichenden islamischen Rechtsprechung, dass der Koran ausdrücklich festgelegt hat, dass der zugrunde liegende Grund des Khamr-Verbots darin besteht, dass er die Erinnerung an Gott behindert und Feindseligkeit und Hass erzeugt. Genau diesen Effekt haben psychodelische Drogen aber nicht, sondern genau den gegenteiligen.

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Wird inshaAllah fortgesetzt...