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Über die Herkunft des Koran
aus
der Einführung zur Koranübersetzung
von Murad Wilfried Hofmann
Der
Koran ist die Sammlung der Offenbarungen, die einem bis dahin unscheinbaren,
wenngleich für seine Integrität bekannten Mekkaner aus
guter, allerdings verarmter Familie im Laufe von 23 Jahren durch
einen überirdischen Boten (dem Engel Gabriel) übermittelt
wurde: Muhammad (s.a.w.). Die erste dieser Offenbarungen erreichte
den damals 40jährigen, des Lesens und Schreibens unkundigen
Muhammad (s.a.w.) unvermittelt und mit großer Wucht im Monat
Ramadhan des Jahres 610, während er sich zu Betrachtungen und
Gebet in der Höhle Hira hoch über Mekka zurückgezogen
hatte (Sure 96, 1-5).
Muhammad
(s.a.w.) war damals ein - wie man heute sagen würde - kaufmännischer
Angestellter in der Import-Export-Firma seiner (bedeutend älteren)
Frau Khadidscha, mit der er bis zu ihrem Tod (619) in glücklicher,
monogamer Ehe zusammenlebte. Seine letzte Offenbarung empfing er
kurz vor seinem Tode im Jahre 632 in Medina. Zwischen beiden Daten
liegen Ereignisse, welche nicht nur Muhammad (s.a.w.) selbst, sondern
die gesamte Welt so stark verändert haben wie nur das
Erscheinen von Jesus (a.s.). Obwohl vorher nichts darauf hingedeutet
hatte, wurde Muhammad (s.a.w.) unter dem Eindruck der Offenbarungen
und mit der Autorität und dem Charisma eines Gesandten Gottes
zu einer der bedeutendsten Persönlichkeiten der Weltgeschichte.
Die über ihn übermittelte Botschaft stellte nicht nur
die Glaubenswelt des damaligen Arabien in Frage, sondern auch uralte
Sitten und Gebräuche, wie das Gewohnheitsrecht, das die vorislamische
Frau rechtlos gemacht und das Töten neugeborener Mädchen
sanktioniert hatte.
Die
koranische Botschaft hob in der Tat das gesamte soziale, wirtschaftliche
und auf Stammessolidarität beruhende Gesellschaftssystem seiner
Heimat auf den Prüfstand. Dementsprechend hart reagierten die
meisten seiner Zeitgenossen: mit Verspottung und Verleumdung, Boykott
und Mordanschlägen - eine so schlimme Verfolgung, dass zahlreiche
Muslime im Jahre 615 vorübergehend bis nach Abessinien ausweichen
mussten. Schließlich nahm Muhammad (s.a.w.) eine Einladung
gläubig gewordener Männer und Frauen aus Yathrib (400
Kilometer nördlich von Mekka) an. Muhammad (s.a.w.) und seine
Anhänger konnten jetzt, ab 622, in kleinen Gruppen nach Yathrib
emigrieren, das von da an Medina ("die Stadt", nämlich
des Propheten) hieß. Mit diesem Schlüsseldatum beginnt
die islamische Zeitrechnung. Hier errichtete Muhammad (s.a.w.) einen
die muslimischen und jüdischen Stämme der Oasen zusammenfassenden
Staatsbund, für den er die erste schriftliche Staatsverfassung
der Welt erließ. Dieser Staat war revolutionär, weil
er erstmals in der Weltgeschichte die Staatsangehörigkeit nicht
an Kriterien wie Sippe, Rasse, Hautfarbe oder Sprache knüpfte,
sondern allein an ein religiöses Bekenntnis. Medina war sofern
ein ideologischer Staat. Muhammad (s.a.w.) entwickelte als Staatsoberhaupt
erstaunliche staatsmännische, diplomatische, richterliche und
militärische Fähigkeiten, und dies in einer Situation
der strategischen Defensive gegen die Versuche Mekkas, die islamische
Gefahr - von der man heute noch spricht - gewaltsam zu beseitigen.
Dabei
kam es im Monat Ramadhan 624 bei Badr, südwestlich von Medina,
zu einem Scharmützel, das die Welt veränderte, weil es
den wenigen Muslimen die Überzeugung verlieh, dass Gott auf
ihrer Seite ist. Der Kampf mit Mekka endete schließlich mit
einem diplomatischen Coup, dem Waffenstillstand von Hudaybiyya bei
Mekka (628), einer vorweggenommenen Kapitulation Mekkas. In der
Tat konnten die Muslime im Jahre 630 die Stadt kampflos und mit
einer Generalamnestie übernehmen. Und so entstand im westarabischen
Hijaz des 7. Jahrhunderts - sozusagen im Windschatten der beiden
benachbarten hegemonialen Großreiche, Byzans und Persien -
eine vitale Glaubensgemeinschaft, die sich innerhalb weniger Jahrzehnte
bis nach Spanien, Persien und Indien erstreckte. Muhammad (s.a.w.),
seit 623 mit Aischa (r.a.), einer außerordentlich intelligenten
jungen Frau, verheiratet, ging nun noch mehrere, meist dynastische
Ehen ein, um das sich ausbreitende islamische Staatswesen und seine
Führungseliten untereinander zu festigen.
Der
Koran hatte die Gläubigen immer wieder aufgefordert: "Glaubt
an Gott und den Gesandten." Diese Autorität bewirkte unter
den frühen Muslimen wahre Wunder an Gehorsam und Opferbereitschaft,
bis hin zu ihrer einzigartigen Bereitschaft, ihr Leben "für
die Sache Allahs" oder "auf dem Wege Allahs" freudig
hinzugeben. Schon damals formte sich die orthodox werdende muslimische
Praxis mit ihren "fünf Säulen" (Glaubensbekenntnis,
fünfmaliges Gebet, Fasten während des Monats Ramadhan,
Sozialsteuer, Pilgerfahrt nach Mekka) und das islamische Recht (Scharia)
aus.
Dieser
riesige Erfolg einer großen Idee brachte Muhammad (s.a.w.)
nicht nur Bewunderung ein. Im Gegenteil: Er wurde zur meistverleumdeten,
ja - verteufelten Persönlichkeit der Weltgeschichte überhaupt,
im christlichen Mittelalter nicht nur als Antichrist, sondern als
Höllenhund (Luther!) beschimpft. Welch ein Kontrast zu dem
koranischen Gebot, die "Leute der Schrift", also Juden
und Christen, freundlich zu behandeln und ihre Propheten, einschließlich
Jesus, zu ehren. Goethe schrieb in "Dichtung und Wahrheit",
dass er Muhammad (s.a.w.) "nie als einen Betrüger hatte
ansehen können". Der Text des Korans selbst spricht offenbar
dagegen, dass er eine Erfindung Muhammads (s.a.w.) ist, ganz abgesehen
davon, dass der Prophet (s.a.w.) nie zuvor dichterische oder wahrsagerische
Fähigkeiten bewiesen hatte: Gibt es doch im Koran mehrere scharfe
und für Muhammad (s.a.w.) peinliche Zurechtweisungen seines
Fehlverhaltens.
Gleichwohl
gilt nach der Natur der Sache, dass die Überzeugung von der
Authentizität der koranischen Offenbarung, so plausibel sie
sein mag, erstlich und letzlich Glaubenssache ist. Daher ist denn
auch das Islamische Glaubensbekenntnis nicht ein-, sondern zweiteilig:
"Ich bekenne, dass es keinen Gott außer Allah gibt, und
ich bekenne, dass Muhammad der Gesandte Allahs ist." Hingegen
kann die Historizität des Koran wissentschaftlich bewiesen
werden. Dass sein uns vorliegender Text authentisch ist, also dem
entspricht, was Tausende Muslimen zum Todeszeitpunkt Muhammads auswendig
kannten, wird auch von der westlichen Orientalistik nicht mehr bestritten.
Es verhält sich mit dem Koran insofern anders als mit den Schriften
des Alten und des Neuen Testaments. Diese stammen bekanntlich von
unterschiedlichen Autoren aus unterschiedlichen Jahrhunderten; manche
dieser Autoren sind unbekannt, und zahlreiche sogenannte Texte sind
ohne Zweifel manipuliert worden. Der eigentliche Begründer
des Christentums, Paulus, hat Jesus (a.s.) nicht einmal gekannt.
Im
Gegensatz dazu ist der Koran der bestbezeugte Text aus der Spätantike
überhaupt. Er ist nicht nur aus einem Guss (sieht man von der
nicht chronologischen Anordnung der Suren ab), sondern hat - computergestützte
Sprachanalysen erhärten dies - einen einzigen Verfasser, dessen
sprachliche Eigenheiten denen von Muhammad (s.a.w.) nicht entsprechen
(dessen Redeart wiederum in unzähligen Berichten (Hadithen)
bestens dokumentiert ist). Hier ist nicht der Ort, die Geschichte
der Endredaktion des Korans in allen Einzelheiten wiederzugeben
(mehr Informationen dazu bei Ahmad von Denffer, 'Ulum Al-Qur'an,
Leicester 1983, sowie Ahmad Ali al-Iman, Variant Reading of the
Qur'an, Herndon, VA 1998). Jedenfalls erkannte schon der erste Kalif,
Abu Bakr (r.a.), ein Jahr nach Muhammads (s.a.w.) Tod, dass der
Koran zusammenhängend schriftlich festgelegt werden müsse
und dass mögliche Unterschiede in kleinen Einzelheiten dabei
vereinheitlicht werden sollten. Grundlage dafür war ein Text,
den Muhammads Sekretär Zaid b. Thabit (r.a.) sorgfältigt
erstellt hatte. Der dritte Khalif, Uthman (r.a.), verfügte
schließlich im Jahr 653, dass nur noch der inzwischen konsolidierte
Text des Korans, wie wir ihn heute kennen, benutzt werden dürfe.
Von dem ihm nach Basra, Damaskus, Kufa, Medina und Mekka versandten
offiziellen Kopien sind noch zwei erhalten. Eine befindet sich im
Topkapi Museum von Istanbul, die andere in Taschkent. Zum ersten
Mal gedruckt wurde der Koran kurioserweise in Deutschland, nämlich
1694 in Hamburg. Heute wird meist diejenige arabische Druckfassung
verwendet, welche 1925 in Kairo erschienen ist.
Kompletter Download des Koran

Tip zum Gebrauch des (deutschsprachigen) Korans:
Der
Koran besitzt im Gegensatz z.B. der Bibel keinen chronologischen
Aufbau. Es ist deswegen für den Europäer
normalerweise mühsam und unbefriedigend, den Koran einfach
von vorne bis hinten zu lesen, auch wegen der im Koran häufig
vorkommenden Wiederholungen. Wesentlich besser ist es meiner Ansicht
nach, den Koran zur täglichen Lektüre zu machen, in dem
man z.B. abends einen Teil liest und in Beziehung zu den stattgefundenen
Ereignissen des Tages setzt. Dabei wird der Ausschnitt rein zufällig
ausgewählt, d.h. der Koran an einer beliebigen Stelle aufgeschlagen.
Man wird feststellen, dass die so "zufällig" gelesenen
Verse oft in Verbindung mit den Tagesereignissen stehen und sehr
gut geeignet sind, über diese zu reflektieren. So erfüllt
der Koran am ehesten den ihm zugedachten Sinn, eine Leitung für
den Menschen zu sein. So kann sich auch am besten eine Beziehung
zu Gott entwickeln, denn der Koran wird ja von Muslimen als Gottes
Wort angesehen.
Eigenheiten des Koran
Der
Koran besitzt viele Eigenheiten, die klar erkennen lassen, dass
ein solches Buch unmöglich von einem Analphabeten des 7. Jhdts.
geschrieben werden konnte. Bitte dazu auch folgenden Artikel lesen: "Koran und moderne Wissenschaft"
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